Autor: Jörg Phil Friedrich

  • Es ist ein Mensch

    „Wisst ihr schon, was es wird?“ – das ist oft die erste Frage, die werdenden Eltern gestellt wird. „Was ist es denn?“, fragen die Bekannten, wenn sie in den Kinderwagen schauen. „Ein Kind“ oder „ein Mensch“ wäre die, zugegeben, triviale aber zutreffende Antwort, aber gemeint ist: „Mädchen oder Junge?“

    Die Frage nach dem Geschlecht bleibt das ganze Leben über eine der ersten Fragen. Wenn Studierende an der örtlichen Universität am Ende des Semesters einen Fragebogen ausfüllen sollen, der ihr Urteil über ein Seminar erfassen soll, werden sie als Erstes nach ihrem Geschlecht gefragt. Wenn wir Post von der Behörde bekommen, dann steht da, es würde uns „Frau Müller“ oder „Herr Meier“ schreiben.

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  • Die Grenzen des Gerichts

    In einem Rechtsstaat muss auch der Gesetzgeber dem Recht gehorchen. Die Regeln für den, der die Regeln vorgibt, sind in Deutschland im Grundgesetz festgelegt. Da man sich aber, wie bei jedem, der Vorschriften beachten soll, nicht darauf verlassen kann, dass der Gesetzgeber immer freiwillig und umfassend dem Grundgesetz folgt, gibt es in Deutschland auch dafür eine Kontrollinstanz: das Bundesverfassungsgericht.

    Wenn man versucht, die Frage zu beantworten, ob diese Einrichtung eigentlich gut funktioniert und ihre Aufgabe erfüllt, muss man zunächst einmal bedenken, dass das Grundgesetz genau genommen aus zwei Teilen besteht, die nicht viel miteinander zu tun haben. Der zweite, umfangreichere Teil, ist ein Organisationshandbuch für den Staat. Da werden detailliert der Aufbau und die Zuständigkeiten von Bundestag, Bundesrat und Bundespräsident geregelt, da wird festgelegt, wofür der Bund und wofür die Länder zuständig sind.

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  • Wissenschaften in der Pandemie

    In seinem Aufsatz „Die Wahrheit ist nicht relativ“ äußert der Physiker Ralf Bönt die Vermutung, dass uns gegenwärtig eine Phase der gesellschaftlichen Entwicklung und Umbrüche bevorstehen könnte, wie die Welt sie vor rund 100 Jahren am Ende der Spanischen Grippe, zu einer Zeit des stürmischen Fortschritts der Physik, erlebt hat. Er vergisst, zu bedenken, dass die Physiker jener Zeit die von ihnen initiierten Umbrüche mit einer gründlichen philosophischen Reflexion ihres eigenen Tuns und im intensiven Austausch mit den Philosophen ihrer Zeit verbunden haben. Vielmehr meint Bönt, der Nachfahr dieser revolutionären Wissenschaftler, auf Philosophie ganz verzichten zu können. Das sei ihm unbenommen. Allerdings fällt auf, dass Bönt im Denken über das Tun und den Gegenstand seiner eigenen Disziplin weit hinter die Einsichten seiner Kollegen, die einst die Quantentheorie entwickelt haben, zurückfällt. Gerade mit Blick auf Bönts eigentliches Anliegen, die Rolle der Naturwissenschaften bei der Bewältigung gegenwärtiger Herausforderungen wie der Pandemie, aber auch des Klimawandels, darf das nicht kritiklos hingenommen werden.

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  • Warum das bundesweite Regelwerk schadet

    In Deutschland herrscht weitestgehend Konsens darüber, dass Politik sich wissenschaftliche Expertise einholen sollte, bevor politisch entschieden und gehandelt wird. Was das genau heißen soll, ist jedoch unklar. Allerdings scheint ein großer Teil der Bevölkerung der Meinung zu sein, dass die Politik dem Rat der Wissenschaft zwingend folgen sollte, sobald dieser Rat eindeutig und unter den Wissenschaftlern weitgehend unstrittig ist.

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  • Brutus Liefers

    „Brutus, auch du!“, rief der Überlieferung nach der große Kaiser Cäsar, kurz bevor er tot zu Boden sank. Kurz zuvor hatte eine Gruppe von Senatoren ihm die Dolche in den Leib gerammt – und unter ihnen eben auch jener Brutus, manche sagen, sein Freund, manche sagen gar, es sei sein Sohn gewesen, jedenfalls ein enger Vertrauter. Seitdem ist der Ausruf des römischen Kaisers zum Sinnspruch der Enttäuschung über einen Menschen geworden, dem man vertraut hatte, von dem man gemeint hatte, Werte und Ziele zu teilen und der nun plötzlich etwas getan hat, was man als „Stich ins Herz“ empfindet. Nun hatte Cäsar nicht mehr genug Zeit, um über die Frage zu reflektieren, ob der Fehler vielleicht bei ihm selbst gelegen haben könnte, ob er selbst womöglich in den letzten Monaten etwas getan haben könnte, was den wohl Vertrauten gegen sich aufgebracht hat. Bekanntlich verschied er wenige Sekunden, nachdem er den Satz gesprochen hatte, der ihn bis heute überdauert, und man muss auch zugeben, dass der Moment, in dem man von Messerstichen übersät zu Boden sinkt, nicht eben der Zeitpunkt ist, an dem man zu selbstkritischer Reflexion neigt.

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  • Drosten und die Leugner

    Der vielfach preisgekrönte Podcast „Das Coronavirus-Update Podcast von NDR Info“ hat nach eigenen Angaben das Ziel, „verlässlich über neue Erkenntnisse der Forschung zu informieren“. Wöchentlich sprechen der Berliner Virologe Christian Drosten oder seine Frankfurter Kollegin Sandra Ciesek dort etwa eine Stunde lang über die neuesten Entwicklungen in der Pandemie, aus der Sicht ihrer Disziplin. Inzwischen gibt es 83 Folgen, die millionenfach abgerufen, in sozialen Netzwerken geteilt, als Informationsquelle für die journalistische Berichterstattung genutzt und im ganzen Land breit diskutiert werden.

    In der Folge vom 30. März 2021 hat sich der Professor für Virologie der Berliner Charité ausführlich einem Thema gewidmet, das nicht ganz in sein Fachgebiet fällt – nämlich den „Grundmotiven der Wissenschaftsleugnung, die sich immer mehr durchsetzen in unserer Gesellschaft“, so Drosten. „Wir alle“, sagt er, ohne genau zu sagen, wer dieses „wir“ sei, „wundern uns darüber, wie die Politik agiert oder nicht agiert.“ Das heißt in seinem Fall, dass er sich darüber wundert, warum die Politik nicht das tut, was er selbst für geboten hält. Was ist seine Erklärung?

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  • Wir haben uns bemüht

    Ein Gedicht ist mehr als ein Text, der durch viele Zeilenumbrüche in zusätzliche Sinneinheiten von Versen und Strophen unterteilt ist. Es ist ein filigranes Sprachgebäude, das durch Rhythmus und Reime seinen inneren Halt bekommt und zugleich lebendig wird, wenn es den Rhythmus wechselt, Reime nur anklingen und Alliterationen überraschende Verbindungen herstellen. […] Bedenkt man dies, so muss man leider schon nach wenigen Zeilen der deutschsprachigen Version Den Hügel hinauf des Gedichts The Hill We Climb von Amanda Gorman feststellen, dass die Übertragung des Übersetzerinnenteams des Verlags Hoffmann und Campe gescheitert ist.
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  • Letztgültige Antworten in den Wissenschaften

    In einem Feature von Florian Felix Weyh über Evidenz und Plausibilität in den Wissenschaften ging es um Higgs-Bosonen und Wetterfronten , um Mikrofone und „Scharen von Journalisten“ – und um die Frage „Was wissen wir wirklich?“ Hier zum Nachlesen und Nachhören.

  • Die Nachhaltigkeit der Wissenschaft – Jörg Phil Friedrich im Gespräch mit Hans von Storch

    Sie haben die These vertreten, dass die Kommunikation der Wissenschaft in der Pandemie eigentlich besser gelungen ist als in der Klimaforschung. Was könnte diese von der Virologie lernen?

    Wenn Wissenschaftler in der Öffentlichkeit auftreten, muss der Grundsatz sein, dass sie nicht Wahrheit, sondern die beste Erklärung im Rahmen des derzeitigen Wissens anbieten. Das ist der Epidemiologie nach meiner Wahrnehmung wesentlich besser gelungen als der Klimawissenschaft, weil wir in der Klimawissenschaft eben doch eine ganze Menge aktivistische Kollegen haben, die vor allem daran interessiert sind, dass eine motivationsstarke Deutung der Situation entsteht, auf der dann möglichst ungehindert eine entsprechende Politik aufbaut. In der Epidemiologie, so ist in meine Wahrnehmung, wurde nicht damit hinter dem Berg gehalten, dass verschiedene Wissenschaftler verschiedene Meinungen haben.

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