Kategorie: Gesellschaft

  • Wehrpflicht und Dienstpflicht

    Die allgemeine Wehrpflicht ist wieder ins Gespräch gebracht worden, zuletzt durch den CDU-Vorsitzenden Friedrich Merz, aber auch durch den Verteidigungsminister Boris Pistorius. Fast könnte man meinen, es sei schon fast ausgemacht, dass es in ein paar Jahren für junge Leute ganz selbstverständlich wieder eine Pflichtzeit für die Gesellschaft gibt, sei es in der Bundeswehr oder anderswo. Hier mein Beitrag zur Debatte, der schon vor zwei Jahren aus Anlass von damaligen Äußerungen des Bundespräsidenten erschienen ist.

    Der Bundespräsident hat für seine Anregung, einen allgemeinen sozialen Pflichtdienst für junge Leute einzuführen, viel Kritik bekommen. Zurecht, denn seine Begründung ist fragwürdig und der Sinn des Dienstes, den sich Frank-Walter Steinmeier vorstellt, ist nebulös. Steinmeier meint, dass eine solche Pflichtzeit irgendwie soziale Kompetenzen befördern und das Verständnis für andere Lebensentwürfe und Meinungen stärken würde. Warum das so sein sollte, bleibt im Ungefähren, dass etwa der Wehrdienst oder das freiwillige soziale Jahr besonders zur Stärkung solcher Fähigkeiten beigetragen hätte, kann bezweifelt werden.

    Viele vermuten, dass ein Pflichtdienst für die Pflegedienste, die sozialen Einrichtungen und die Bundeswehr nicht anderes sein würde als die Bereitstellung billiger Hilfskräfte mit geringen Kompetenzen, die am Ende mehr Zeit kosten, als sie Nutzen bringen, für die jungen Menschen auf jeden Fall verschenkte Lebenszeit, in der man im besten Fall ein paar interessante Leute kennengelernt hat, die man aber auch in der Ausbildung, beim Studium oder beim Weltenbummel treffen könnte.

    Dennoch kann eine Pflichtzeit eine sinnvolle Sache sein. Es sei daran erinnert, wozu die Wehrpflicht, die als Vorbild für jede gesellschaftliche Pflichtzeit dient, eigentlich da war. Die Rekruten sollten in ihrer Zeit in Uniform zwar einerseits auch sinnvolle Aufgaben erledigen, das Wichtigste aber war, eine militärische Grundausbildung zu bekommen und militärische Kompetenzen zu erwerben, die im Ernstfall später einmal wieder abgerufen werden könnten. Der Zweck der Wehrpflicht war vor allem, Reservisten hervorzubringen.

    Vielleicht brauchen moderne Armeen keine großen Heere von Soldaten mehr, sodass die Wehrpflicht in diesem Sinne nicht mehr nötig ist. Aber die Gesellschaft steht vor schwierigen Zeiten mit großen Herausforderungen. Klimakrise und Pandemien werden lokale und überregionale Notlagen schaffen, die ein schnelles, diszipliniertes und organisiertes Handeln von Kräften erfordern, die zügig am Ort der Katastrophe sein können und da effektiv arbeiten. Wir sehen heute, wenn es irgendwo zu einem Katastrophenfall kommt, sei es eine Überschwemmung, sei es ein lokal besonders heftiger Ausbruch einer Pandemie, dass die ausgebildeten Spezialkräfte der Feuerwehren, des THW und der Polizei schnell überlastet sind, und die Selbsthilfe vor Ort scheitert an fehlenden Fähigkeiten und mangelnder Organisation.

    Was eine zunehmend verletzliche Gesellschaft braucht, ist ein breiter Zivilschutz, der sich im Bedarfsfall schnell aus lokalen Kräften rekrutierten kann. Solche einen Zivilschutz aufzubauen, kann ein vernünftiger Zweck einer Pflichtzeit sein, in der junge Menschen das Rüstzeug für den Einsatz im Katastrophenfall erwerben. Dazu gehört eine fundierte Sanitätsausbildung, die auch im Alltag hilfreich sein kann, aber auch Fähigkeiten beim Errichten von Notunterkünften, beim Beseitigen von Störungen der Verkehrswege und vieles mehr. Dazu gehört aber vor allem auch, zu lernen, sich diszipliniert in eine effektive Organisationsstruktur einzufügen, in der klar geregelt ist, wer entscheidet und in der nicht lange diskutiert, sondern entschlossen gehandelt wird.

    Ein solcher Pflichtdienst kann den jungen Menschen tatsächlich eine Menge interessanter Erfahrungen bieten und überraschende Kompetenzen fürs Leben vermitteln. Davon würde die Gesellschaft sicher wirklich im Ganzen profitieren, und am Ende würde das auch den Zusammenhalt in dieser Gesellschaft fördern. Aber nicht, weil man mal ganz andere Leute kennengelernt hat, wie der Bundespräsident meint, sondern weil man gelernt hat, wie man konzentriert und diszipliniert gemeinsam handelt, wenn die Gesellschaft in Not ist.

  • Vom Besteigen hoher Berge. Nachdenken über ein Gedicht von Volker Braun

    (Erschienen in „Oben und Unten“ Philosophisch-Literarische Reflexionen. 2013. Herausgegeben von Monika Schmitz-Emans und Kurz Röttgers.)

    Das Gedicht Vom Besteigen hoher Berge des heute (2024) 85jährigen ostdeutschen Dichters Volker Braun erschien 1974. Es nimmt im Untertitel Bezug auf einen Text des russischen Revolutionsführers Wladimir Iljitsch Uljanov, der unter dem Namen Lenin bekannt geworden ist.

    Lenin hatte 1924 einen Text mit dem gleichen Titel geschrieben, der in der sowjetischen Parteizeitung Pravda veröffentlicht worden war.[1] Dort beschreibt er – als Gleichnis für die aktuelle Situation der kommunistischen Revolution – die Lage eines Bergsteigers, der sich als erster an den Aufstieg zu einem Berggipfel gemacht hat und sich nun in einer Situation befindet, bei der er keine Möglichkeit mehr sieht, auf direktem Wege weiter zum Gipfel voran zu kommen. Er muss sich entschließen, ein Stück abzusteigen und von einem niedrigeren Niveau aus einen neuen Weg nach oben zu suchen.

    Bei Lenin sehen wir einen einzelnen Bergsteiger, der ganz auf sich gestellt ist und seine Entscheidungen für sich trifft, im Angesicht seiner ganz persönlichen Einschätzung des weiteren Weges, seiner Möglichkeiten, weiter nach oben zu gelangen. Er wird zwar von anderen, die im sicheren Tal sitzen und den Aufstieg aus der Ferne beobachten, beurteilt, und jene anderen sind dem Bergsteiger offenbar auch nicht gleichgültig, aber in seinem Kampf, voranzukommen oder abzusteigen, in seinem Zweifel über das Risiko, das ihn beim weiteren Aufstieg oder im Abstieg erwartet, ist er allein.

    Lenin ist die Situation des Bergsteigers ein Gleichnis auf die Lage des russischen Proletariates Anfang der 1920er Jahre. Der Gipfel, das ist die kommunistische Gesellschaft, die das Proletariat erreichen will, und der beschwerliche Aufstieg, das ist die Umgestaltung der Gesellschaft, die mal schwieriger und mal einfacher ist, und die auch in Sackgassen führen kann.

    Bevor ich mich dem Unterschied zwischen dem Bild, das Lenin zeichnet, und dem, das Braun vor unseren Augen entwirft, zuwende, möchte ich einen Moment bei der Metapher des Bergsteigens verweilen. Offenbar geht es darum, ein Ziel zu erreichen, warum es wünschenswert ist, zu diesem Ziel zu kommen, ist nicht bekannt. Der Berggipfel als Ziel genügt sich selbst, ist Selbstzweck. Man muss nicht erklären, warum man ihn erreichen möchte. Der Berggipfel ist ein leuchtendes Ziel, das heißt zweierlei: einerseits ist er weithin sichtbar, wie ein Leuchtfeuer etwa. Andererseits leuchten die Berge auch am  Morgen und am Abend, wenn das Tal noch oder schon wieder im Dunkel liegt. Auf den Gipfeln ist mehr Licht als im Tal, der Gipfel liegt oft im Sonnenschein, wenn es unten im Tal trübe ist. Licht, das ist Klarheit, Überblick, Wissen. Der Gipfel selbst bietet nicht unbedingt mehr Raum als der Platz im Tal, von dem aus der Bergsteiger startet, aber vom Gipfel aus hat man einen größeren Raum im Überblick und dieser Überblick verschafft auch das Gefühl von Überlegenheit gegenüber denen, die im Tal sitzen.

    Der Gipfel ist weithin sichtbar und als Ziel klar zu benennen. Wenn er erreicht ist, dann ist vielleicht auch das Wünschen an ein Ende gekommen. Deshalb eignet sich das Bergsteigen so gut als Gleichnis für manches menschliche Tun, das ein weit entferntes großes Ziel anstrebt. Aber das „Besteigen hoher Berge“ ist nicht nur wegen des Zieles eine gute Metapher für das zielgerichtete Streben der Menschen, sondern auch wegen des Weges. Man sagt manchmal „Der Weg ist das Ziel“ und meint damit, schon die Bewegung allein sei ein Zweck, der sich selbst genügt. Das mag für das Wandern richtig sein, aber keineswegs für das Bergsteigen. Beim Bergsteigen geht es immer um das Ziel, der Weg dorthin ist zweitrangig, vor allem wenn es, wie im Falle unserer Texte, um Erstbesteigungen eines Gipfels geht. Den Weg, der zum Gipfel führen soll, zu begehen, hat nur Sinn, wenn am Ende das Ziel auch erreicht wird.

    Damit wird die Gipfelbezwingung durch den Bergsteiger zur geeigneten Metapher für jedes menschliche Tun, das nur dann erfolgreich und sinnvoll genannt werden kann, wenn das Ziel, das vorher benannt ist, auch wirklich erreicht wird. Das Erreichen des Gipfels ist eben ein Höhepunkt, der so genannte „krönende Abschluss“ des Unternehmens, und immer, wenn ein Bergsteiger vorher aufzugeben gezwungen ist, dann ist er gescheitert.

    Aber der Gipfelsturm hat das Zeug zur Metapher weit darüber hinaus. Der Gipfel ist, an guten Tagen, weithin sichtbar, klar auszumachen und über die Frage, was es heißt, auf dem Gipfel zu stehen – nicht mental, aber faktisch – ist leicht Konsens zu erzielen. Der Weg zum Gipfel aber ist nicht so klar zu sehen, zu benennen oder zu planen. Zum Gipfel führt gar kein Weg, der Weg zum Gipfel entsteht erst, indem er gegangen wird. So ein Weg ist eine ganz persönliche Sache, das unterscheidet den Weg zum Gipfel ganz grundsätzlich von Wegen, die wir im Alltag kennen und die uns unsere Kultur und die kulturelle Gestaltung unserer Alltags-Wirklichkeit vorgegeben sind. Der Weg, den der Bergsteiger sich gesucht hat, ist sein Weg, es mag bessere oder schlechtere geben, es war der Weg, auf den er zum Ziel kam oder auf dem er gescheitert ist.

    Ist auch das Ziel bekannt, so liegt der Weg im Unbekannten, und das Bergsteigen ist somit der Aufbruch ins Unbekannte zu einem Bekannten hin. Das Problem ist zudem, dass während des Bergsteigens das Ziel notgedrungen aus den Augen gerät. Während der Tour ändert sich die Perspektive und ums näher der Gipfel kommt, desto weniger sehen seine Bezwinger von ihm. Das nächste Hindernis ist so groß, dass es den Gipfel selbst für gewöhnlich verdeckt. Das führt auch dazu, dass der Bergsteiger seine Route nicht strategisch planen kann: Er sieht nur die Möglichkeiten des weiteren Aufstieges in seiner unmittelbaren Nähe, ob es besser wäre, im Moment einem etwas schwierigeren Pfad zu folgen um einige Meter weiter oben überhaupt noch weiter zu kommen, bleibt ihm verborgen.

    (Wir betrachten hier natürlich nicht den technisch aufs Beste mit digitalen und hoch auflösenden Satellitenbildern ausgestatteten modernen Bergsteiger der jederzeit sein Smartphone befragen kann, wie weit es bis zum nächsten Plateau wohl ist und der sich vielleicht über eine App die jederzeit optimale Route zum Gipfel berechnen lassen kann.)

    Das Bergsteigen ist somit als Gleichnis geeignet für alles menschliche Wirken das große Ziele anstrebt, sich aber im Alltag mit den Mühen des konkret vorgefundenen herumplagen muss, bei denen das wunderbare strahlende Ziel aus den Augen gerät und die tagtägliche Entscheidung über den nächsten Schritt oft mit viel Unsicherheit über die Frage getroffen wird, ob der eingeschlagene Kurs letztlich näher ans Ziel führt oder das endgültige Scheitern des Vorhabens besiegelt.

    So ausgestattet möchte ich mich nun an das Gedicht von Volker Braun machen und mich vor allem darauf konzentrieren, was sein Bild von dem Lenins unterscheidet und was das für uns bedeuten kann.

    Braun beginnt scheinbar mit einem Paradoxon:

    „Jetzt sind wir höher als die Baumgrenze geklommen

    Aber der Wald hat zugenommen“

    Eigentlich steckt schon in diesen zwei Zeilen alles, worum es mir heute geht. Zunächst: Braun spricht von „uns“. Während Lenins Bergsteiger alleine war, ist bei Braun eine Seilschaft unterwegs. Lenin hat zwar diesen einsamen Bergsteiger als Gleichnis für das ganze „russische Proletariat“ genommen, aber dieses war für ihn ein einziges Subjekt. Bei Braun haben wir es mit ein paar Leuten zu tun, die sich gemeinsam auf den Weg zum Gipfel machen. Die sind vermutlich nicht immer einig über den weiteren Weg, sie sind voneinander abhängig, sie helfen oder behindern einander, darauf werde ich zurückkommen. Jedenfalls sieht sich Braun als einer in einer Gemeinschaft, die miteinander verbunden, man könnte sagen, verstrickt sind.

    Wir sind über die Baumgrenze gekommen. Was zuerst wie ein Paradoxon klingt – dass nämlich oberhalb der Baumgrenze der Wald zunimmt, ist eigentlich tägliche Erfahrung bei all unserem tun. Die Baumgrenze ist unsere Konstruktion. Es gibt ein paar Leute, die sagen, dass die Baumgrenze die Höhe am Berg ist, wo keine Bäume mehr wachsen. Es gibt Wissenschaftler, die ausrechnen, dass an diesem oder jenem Berg oberhalb von soundsoviel Metern keine Bäume mehr wachsen können. Da ist dann die Baumgrenze. In dem Weltbild, das sich unsere Bergsteiger unten im Tal gemacht haben, war die Baumgrenze an einer klar definierten Stelle, die sie nun erreicht haben. Ihre Welt stimmt leider nicht mit der Wirklichkeit überein: Der Wald nimmt noch zu, Baumgrenze hin oder her.

    Wir haben es also mit einem ganz bestimmten Zugang zur Wirklichkeit zu tun, der letztlich in die Gefahr, zum möglichen Scheitern, führt: Dass wir uns ein Weltbild konstruieren und unser Handeln nach diesem Weltbild ausrichten, und dass wir die Realität, so lange es geht, ignorieren.

    Bei Lenin gab es solche Unterschiede zwischen Weltbild und Wirklichkeit nicht, sein Bergsteiger nahm die Realität so, wie sie ihm begegnete, er hatte gar keine Konstruktion von einer Baumgrenze im Kopf, nur das Bild vom Gipfel, den er von weitem, aber eben wirklich, gesehen hatte.

    „Jetzt haben wird das Lager errichtet

    Unter dem Gipfel: den keiner mehr sichtet.

    Jetzt hängen wir am Seil ungelenk

    Um nicht abzustürzen beim nächsten Schwenk“

    Da beobachten wir also die Seilschaft bei ihrem Tun, man ist nicht nur aufeinander angewiesen, man setzt auch die Hoffnungen in die andern (Möge doch irgendwer einmal wieder den Gipfel sichten!) Vor allem aber hängt man in dem Seil, das einen mit den anderen verbindet. Manch einer wird wissen, dass so ein Seil nicht nur sichert, sondern auch behindert, vor allem aber kann es passieren, dass eine unerwartete Bewegung eines Anderen mich selbst ins Stürzen bringt. Und wo es lang geht, das entscheidet immer der, der vorweg klettert, der ganz oben ist, und dessen Schwenks können die, die weiter unten sind, zum Abstürzen bringen.

    Braun zeichnet ein Bild, das von bestimmten Techniken und Verfahren geprägt ist, nach denen die Mitglieder der Seilschaft sich zu richten haben, und es scheint fast so, als wenn es gar nicht der Berg ist, der die Truppe davon abhängt, dass sie ihr Ziel erreichen, sondern eben diese Spielregeln, Verfahren, Richtlinien, Techniken, nach denen sich alle richten sollen. Hier lässt Braun alle metaphorischen Masken fallen, wenn er die „Eckziffern“ und die „Formulare“ auf den Felsen holt.

    In dieser bürokratischen Welt, in der zwar jeder mit jedem verknüpft ist, aber der eine dem anderen keine Sicherheit gibt sondern eher eine Gefahr bedeutet, löst sich auch die Gemeinschaft auf. Vielleicht könnte man sagen, dass das Band, das sie aneinander bindet, gerade nicht das soziale Band der Gemeinschaft ist, sondern eine Fessel, die Gemeinschaftlichkeit letztlich ausschließt. Wir erobern einen Platz auf der Leiter, indem wir über Mitarbeiter steigen.

    Dieser Ballast behindert aber nicht nur den Aufstieg, er führt auch dazu, dass der Berg verändert wird:

    „Das reicht uns bis an den Schritt.

    Jetzt schleppen wir jeden Tag den Berg mit“

    Das Bild ist vielleicht nicht ganz deutlich, aber an dieser Stelle ist zu erwähnen, dass ein Freund von Braun, der Regimekritiker Rudolf Bahro, zur gleichen Zeit und offenbar im Dialog mit Braun auch ein Gedicht geschrieben hat, das an Lenins Gleichnis anknüpft.[2] Bahro schreibt  von Bulldozern, die das Material den Berg regelrecht hinauf schieben, damit also den Weg nicht glätten, sondern zu einem unüberwindlichen Hindernis auftürmen. Überall wohin wir sehen, haben die Techniken und Werkzeuge, derer wir uns beim Gipfelsturm bedienen wollten, zu Fesseln und Behinderungen gewandelt.

    Das Nicht-Voran-Kommen macht müde, lässt Zweifel aufkommen, überhaupt auf dem richtigen Wege zu sein:

    „Müssen wir nicht längst umkehren

    Und von unsern Posten herabfahren.

    Und uns aus den Sicherungen schnüren

    Denn dieser Weg wird nicht zum Ziel führen.“

    Aber Braun sieht gar keinen Ausweg, er kann sich, unter den Bedingungen des technischen und geregelten Eingebundenseins in die Gemeinschaft, in die Gruppe, nicht vorstellen, dass es ein Zurück gibt. Bei Lenin war das noch selbstverständlich denkbar, da er ein einzelnes Subjekt im Bild hatte, das allein die Entscheidung treffen konnte. Auch für Brauns Zeitgenossen Bahro gibt es eine Alternative zum „Weiter so!“: Er schreibt: „Ich werde absteigen, und ich werde nicht allein sein.“ Und Bahro ist ja diesen Weg auch gegangen, er hat Die Alternative[3] formuliert mit deren Veröffentlichung in der Bundesrepublik 1977 er sich ganz eindeutig „aus den Sicherungen geschnürt“ hat.

    Damit komme ich zu der Frage, warum mich das Gedicht Volker Brauns eigentlich noch heute beschäftigt. Als ich es zum erstem mal las, war es rund 10 Jahre alt und ich selbst gerade einmal 10 Jahre älter, ein rund 20jähriger Student an der Humboldt-Universität zu Berlin, wie es sich gehört, voller Ideale. Ich las in Brauns Gedicht ein Gleichnis auf die immer noch aktuelle Situation des real existierenden Sozialismus, das ferne Ziel einer nichtkapitalistischen menschlichen Gesellschaft im Kopf aber nicht vor Augen, da in den Mühen des Alltags das ferne, strahlende, hohe Ziel aus dem Blick geraten war. Brauns Frage war unsere Frage, und fünf Jahre später, 1989, haben wir erneut versucht, eine Antwort darauf zu geben. Wir haben uns aus den Sicherungen geschnürt und uns im Free Climbing versucht. Was dann kam, erschien uns jungen linken Intellektuellen als ein Absturz, den wir zwar überlebten, aber als wir uns mühsam berappelten war von einem strahlenden Gipfelziel nichts mehr zu sehen. Brauns Bücher habe ich für lange Zeit weit fort gelegt.

    Nun habe ich mich im Verlaufe fast eines viertel Jahrhunderts in neue Seilschaften eingebunden, habe neue Kletter- und Sicherungstechniken gelernt, habe in der Ferne neue lohnende Gipfelziele, kleine und große, entdeckt. Natürlich hat keines davon die Strahlkraft wie der große, alles überragende Gipfel der kommunistischen Gesellschaft, der meine Jugend dominiert hat, und der, wie ich heute zu wissen glaube, eine optische Täuschung oder eine geschickt gebaute Kulisse war. Und die Tatsache, dass es heute viele lohnende Gipfel zu geben scheint, die man erreichen und wieder verlassen kann, um zu neuen aufzubrechen, erweckt zunächst den Eindruck, dass Brauns Gedicht nicht zum Gleichnis für unsere heutigen Anstrengungen taugt.

    Und doch: Über die gelernten Techniken und die Werkzeuge, die uns mehr behindern als sie uns sichern oder nützen, verlieren wir das Ziel, zu dem wir eigentlich immer auf dem Weg zu sein glauben, aus dem Blick. Wir knüpfen uns ein, wir vernetzen uns sogar, in Strukturen, die uns halten sollen und die uns eigentlich fesseln. Die Frage, ob nicht ein Zerreißen dieser Netze, das Verlassen der Sicherungen, das Ausbrechen die richtige Entscheidung wäre, stellt sich Tag für Tag.

    Es scheint, dass es tatsächlich eine tiefe strukturelle Verwandtschaft zwischen jener Gesellschaft, in der Braun seinen Text schrieb, und der, in der wir heute unseren Alltag bestreiten, gibt. Diese Verwandtschaft liegt nicht in den großen Machtstrukturen. Es ist die kleinteilige Substanz der Gesellschaft, die in den Regeln und Techniken besteht, die der einzelne akzeptieren soll, in die er eingeübt wird und aus denen er sich nicht befreien kann. Die Regeln von denen wir glauben, dass sie uns sichern, die Techniken, die uns stützen sollen, behindern uns bei jedem Schritt Richtung Gipfelziel mehr. Wir begeben uns in ein Netz aus Verfahren und Werkzeugen, wir wollen sie nutzen und verpassen den Moment, in dem wir noch frei entscheiden können, uns aus ihnen wieder zu befreien.

    Darum geht es, so sehe ich es heute, in Brauns Gedicht, und es bleibt deshalb ein Gleichnis auf unseren täglichen Kampf, solange wir in einer technischen Gesellschaft leben. Verfahren, Regeln, Werkzeuge, Techniken, daraus ist das moderne, neuzeitliche soziale Netz gemacht. Irgendwie, kommt man damit auch voran, und dieses Vorankommen nennen wir den Fortschritt. Ob wir damit auch leuchtende Ziele erreichen können, ist allerdings ungewiss.


    [1] Wladimir Iljitsch Lenin: Notizen eines Publizisten. Zuerst veröffentlicht am 16. April 1924 in der Prawda. In: W. I. Lenin: Werke Band 33, Berlin 1966, Seite 188-191.

    [2] Bahro, Rudolf:

    [3] Bahro, Rudolf: Die Altenative

  • Software für die Flüchtlingsverwaltung

    Geflüchtete Menschen kommen in großer Zahl nach Deutschland und es ist nicht abzusehen, dass es weniger werden. Sie werden durch Kommunen direkt oder durch private Unternehmen im Auftrag von Kommunen untergebracht und betreut. Für die Verwaltung aller Informationen zum Flüchtlingsmanagement braucht man eine gute Softwarelösung, die als browserbasierte Internet-Lösung da verfügbar ist, wo die Daten anfallen und benötigt werden, in den Wohnheimen und Unterkünften, in den Sozialstationen und in den Büros der kommunalen Mitarbeiter. Diese Software ist Resident Care, eine moderne Internetlösung, die von INDAL in Münster entwickelt wurde und bereits in vielen Unternehmen und Behörden im Einsatz ist.

  • Ist die Letzte Generation gewaltfrei?

    Die Letzte Generation behauptet, gewaltfreien Widerstand zu leisten. Die Klimaaktivisten verwenden dabei allerdings einen sehr engen Begriff von Gewalt. Zudem meinen sie, demokratisch zu handeln – auch das ist eine gewagte Behauptung. Letztlich müssen Protestbewegungen auch weder gewaltfrei noch demokratisch sein. Darüber habe ich im Freitag geschrieben.

  • Zur Rolle des Intellektuellen

    Es gab zwei Gründe für diesen Text: Ein Gespräch mit einer Schulkameradin beim Klassentreffen über die Frage, warum Philosophen meinen, sich irgendwie zu allem äußern zu können, und die aktuellen Diskussionen zu den fahrlässigen Äußerungen von Richard David Precht. Beides war Anlass, über die Rolle und die Möglichkeiten des Intellektuellen in der gesellschaftlichen Debatte nachzudenken. Das Ergebnis nun auf Welt.de.

  • Gedanken zu „Tausend Aufbrüche“ von Christina Morina

    Für die Wochenzeitung „der Freitag“ und auf Freitag.de habe ich über das Buch „Tausend Aufbrüche“ von Christina Morina geschrieben, das meines Erachtens der bisher wertvollste Beitrag zum Verständnis der aktuellen „Ost-West-Probleme“ ist und mir selbst zugleich geholfen hat, meine eigene Geschichte besser zu verstehen. Ich hoffe, das Buch findet viele Leser und entfaltet im zeitgeschichtlichen Diskurs eine klärende Wirkung.

  • Podcast-Gespräch zur Postoptimistischen Gesellschaft

    Am 28. September war ich zu Gast im Haus am Dom zu einem Gespräch über die postoptimistische Gesellschaft. Das Gespräch, in dem es um Zuversicht und Hoffnung jenseits eines Fortschrittsoptimismus auf der Basis von Wissenschaft und Technik ging, wurde aufgezeichnet und steht nun zum Nachhören zur Verfügung.

  • Elterliche vs. Künstliche Intelligenz

    Oft ist es so, dass angeblich ganz neue Probleme gar nicht so neu sind. So auch das Problem, dass ein KI-System wie ChatGPT in Zukunft Hausaufsätze schreiben könnte und die Lehrerin nicht mehr erkennen kann, was das Kind selbst gemacht hat und was fremde Leistung ist. Schon vorher haben oft Vater und Mutter ihre Intelligenz dafür eingesetzt, dass das Kind eine gute Note bekommt. In Zukunft kann jeder bekommen, was zuvor den Eltern von „Bildungsbürgern“ vorbehalten war. Darum geht es in meinem Kommentar auf Cicero.de.

  • Bitterkeit und Ressentiments

    Ein Buch über „Menschen des Ressentiments“ soll es sein, und über die Frage, wie man Menschen vom Ressentiment heilen kann. In Frankreich war „Hier liegt Bitterkeit begraben“ von Cyntia Fleury ein Bestseller. In Deutschland ist nicht damit zu rechnen, dass es viele Leser findet. In einer Rezension im Freitag habe ich geschrieben, warum es eher Ressentiments gegenüber „Menschen mit Ressentiments“ bestärkt.