Jörg Phil Friedrich
Philosoph und Publizist

  • Der Sinn der geteilten Gewalt

    Die politischen Debatten während der letzten zweieinhalb Jahre, in denen die Öffentlichkeit vor allem mit der Covid-19-Pandemie beschäftigt war, haben bezüglich des Zustandes der Gesellschaft ein großes Missverständnis darüber aufgezeigt, auf welchem Fundament die Organisation dieser Öffentlichkeit steht. Das betrifft sowohl die Struktur der politischen Organisationen, die gern mit dem Begriff der Gewaltenteilung beschrieben wird, als auch die Rolle der Medien und anderer Gruppen, die in der Öffentlichkeit um Aufmerksamkeit und um Einfluss bei der Gestaltung politischer Entscheidungsprozesse ringen.

    Zuletzt hat man das bei der Diskussion um den Sachverständigenrat gesehen, der im Auftrag von Bundestag und Bundesregierung bis Ende Juni die Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie beurteilen sollte und bei dem es offenbar zu Differenzen über die Erfüllbarkeit dieser Aufgabe gekommen war. Ein Umstand, der vor allem von WELT kritisch aufgegriffen wurde, was wiederum die Verantwortlichen in Politik und Wissenschaft – was hier schwer zu trennen ist – vor allem auf Twitter zu aufgebrachten und abfälligen Reaktionen veranlasst hat.

    Hier muss einiges aufgeklärt werden. Beginnen wir bei der sogenannten Gewaltenteilung zwischen den staatlichen Institutionen.

    Gewaltenteilung ist keine Arbeitsteilung

    Offenbar hat sich über die Jahrhunderte, in denen parlamentarische Demokratien inzwischen bestehen, ein großes Missverständnis über den Grund der Gewaltenteilung eingeschlichen. Heute meint man zu glauben, die Gewaltenteilung sei schlicht so eine Art Arbeitsteilung: Die Legislative soll sich Gesetze ausdenken, die Exekutive setzt diese Gesetze dann um, und die Judikative bestraft die, die versuchen, die Gesetze zu umgehen.

    In allen drei Bereichen, so scheint man zu glauben, arbeiten ehrenwerte, uneigennützige Menschen, die um die Begrenztheit ihrer eigenen Aufgaben wissen, die wissen, dass sie sich nur in ihrem eigenen Bereich auskennen, und die deshalb froh sind, dass sich andere jeweils um andere Aufgabenbereiche kümmern. Dass es auch Fälle gibt, in denen die Akteure nicht ganz so uneigennützig handeln, dass es auch Fälle gibt, in denen die einen meinen, sich die Kompetenzen von anderen anmaßen zu können, wird als Störung angesehen, als böse Abweichung vom Ideal der politischen Arbeitsteilung, als verwerfliche Ausnahme. Und wenn es keine Ausnahme ist, dann spricht das gegen die Moral der politischen Klasse oder gar des ganzen Systems.

    Als die großen Denker wie zuerst John Locke in England und dann, Mitte des 18. Jahrhunderts, Montesquieu in Frankreich die Gewaltenteilung konzipierten, hatten sie aber eine ganz andere Vorstellung. Es ging nicht um freundliche Kooperation von politischen spezialisierten Einrichtungen. Diesen politischen Ideengebern war das selbstverständlich, was heute als moralisch verwerflich und korrupt, als Fehler der Politiker oder anderer Einflussgruppen hingestellt wird: Der Mensch ist eigennützig.

    Jeder ist davon überzeugt, dass die Gesellschaft sich genau nach seinem Plan entwickeln soll, er will Einfluss und Macht, und zwar so viel wie möglich, einerseits aus purer Lust an der Macht und aus Freude an den Konsequenzen des Einflusses auf den Lauf der Dinge, andererseits wohl auch, weil eben jeder meint, zu wissen, was für alle das Beste sei.

    Die Idee der Gewaltenteilung ist es, schlicht und einfach, diesen Machtwillen aufzuteilen und gegeneinander zu richten, sodass es immer mächtige Gegenspieler gibt, die die Macht der anderen begrenzen – denn dass grenzenlose Macht auch des selbstlosesten und gutwilligsten Menschen am Ende nicht gut für die Leute ist, die dieser Macht gehorchen müssen, war die Lehre aus den leidvollen Erfahrungen der Monarchien.

    Der klägliche Rest der gegenseitigen Kontrolle

    Von der Idee dieser Gewaltenteilung ist im Verfassungsalltag moderner Demokratien nicht sehr viel übrig geblieben, an ihre Stelle ist ein Kooperationsmodell getreten, was letztlich dazu führt, dass zumindest zwischen Parlament und Regierung kaum noch eine wechselseitige Kontrolle und Begrenzung stattfindet, und auch die Judikative wird dieser Funktion nur eingeschränkt gerecht.

    Innerhalb der politischen Klasse wächst ein Netz wechselseitiger Verbindlichkeiten und Verpflichtungen Die Tatsache, dass eine Person, die als Parlamentarier in das System einrückt, einen Posten in der Exekutive oder gar die rote Robe eines höchsten Richters anstreben kann, macht nachsichtig gegenüber den anderen Gewalten. Das ist keine menschliche Schwäche, es ist eine Konsequenz der durchaus verständlichen, sogar erfreulichen Eigenschaften der menschlichen Natur. Wenn es keine Menschen mit Durchsetzungswillen und dem Streben nach politischer Gestaltungsmacht gäbe, dann hätte die moderne, komplexe Gesellschaft niemanden, der sich der verzwickten politischen Probleme stellen würde, die täglich neu entstehen.

    Selbstverständlich gehört dazu auch Kooperationsbereitschaft – die Fähigkeit, auch quer durch die geteilten Gewalten Allianzen zu schmieden um in diesen Einfluss und Macht zu gewinnen.

    Dass dies so werden könnte, ist jenen, die sich mit dem Funktionieren der repräsentativen Demokratie befassen, auch schon länger klar. Schon am Ende des 18. Jahrhunderts soll deshalb Edmund Burke eine vierte Gewalt ins Spiel gebracht haben: die Presse. Diese holt das politische Spiel in den Institutionen an die Öffentlichkeit, sie ist skeptisch gegen jeden guten Schein, sie geht stets von Machtstreben und heimlichen Absprachen aus, wo es nach Konsens und Sachzwang aussieht.

    Natürlich sitzen auch in der vierten Gewalt, in Presse, Rundfunk und Fernsehen, nicht plötzlich die edlen, uneigennützigen Idealisten. Wie die vierte Gewalt von der Grundannahme ausgeht, dass in der Politik nicht vorrangig kooperativer Altruismus herrscht, so darf das Publikum getrost davon ausgehen, dass in den Medienhäusern Leute sitzen, denen es auch um Einfluss, um Gestaltungsmacht, am Ende gar ums Geld geht.

    Der Schreiber dieser Zeilen tippt selbstverständlich mit dem guten Gewissen des Aufklärers Wort für Wort dieses Textes in seinen Computer – und doch denkt er auch daran, dass Leute seinen Text lesen und die Welt dann in seinem Sinne ein bisschen anders sehen als zuvor, das dient seiner Befriedigung, und am Ende denkt er auch ans Honorar.

    Der Zweifel muss bleiben

    Die entscheidende Frage ist, was das Publikum, was die Leser und Hörer von ihren Journalisten erwarten und was sie von der vierten Gewalt geliefert bekommen wollen. In der Konsensgesellschaft, in der man glauben möchte, dass alle politischen Akteure vom Kanzler über den Gesundheitsminister und die Ausschussvorsitzende im Bundestag bis zum Bundesverfassungsrichter, von der Staatssekretärin über die Pressesprecherin bis zum Hinterbänkler alle Tag und Nacht für die gute Sache kämpfen, wünscht man sich vielleicht von den Medien beschauliche und aufmunternde Berichte über die Arbeit dieser fleißigen Frauen und Männer.

    Gerade in Krisenzeiten, wenn die Pandemie oder der Krieg in der Nachbarschaft tobt, möchte man womöglich aus den Zeitungen und Rundfunkreportagen vor allem erfahren, dass diese Leute aufopfernd ihr Bestes geben und auf keinen Fall Fehler verschweigen würden, dass sie ihre eigenen Ansichten revidieren, wenn sie falsch sind, dass sie sich keineswegs selbst überschätzen, und dass sie niemals einen klugen Widerspruch beiseite wischen würden. Man wünscht sich Einigkeit und guten Willen bei allen, wenn die Gefahren groß sind.

    Einige Akteure der vierten Gewalt, die auch von diesem guten Wunsch beseelt sind, bedienen gern die Nachfrage nach solchen guten Geschichten, die teilweise ja sogar wahr sein mögen. Aber es gibt eben auch immer die Skepsis, den Zweifel und die Vermutung, dass sich einige diesen Wunsch nach der großen Einstimmigkeit auch zunutze machen könnten für ihre ganz eigenen Zwecke. Und in der Überzeugung, dass es für solche guten Geschichten auch entsprechend dankbare Abnehmer geben sollte, werden sich die Medien immer auf die Suche nach diesen Geschichten machen.

    In der modernen Gesellschaft kämpfen viele um Einfluss, Aufmerksamkeit und Macht. Zu den politischen Gewalten und der vierten Gewalt der Presse sind weitere hinzugekommen: Unternehmensvertreter, Lobbyisten, Intellektuelle und Wissenschaftler. Ihnen ist es bisher in unterschiedlichem Maße gelungen, das vorteilhafte Image der selbstlosen Weisen, die weit entfernt sind von den menschlichen Schwächen des eigennützigen Strebens nach Macht, zu erhalten.

    Die vierte Gewalt, die davon lebt, daran zu zweifeln und dem guten Schein gegenüber skeptisch zu bleiben, wird sich gerade diesen Leuten zuwenden. Wer das verächtlich macht, zeigt, wie berechtigt Skepsis und Zweifel immer waren und sind.

    Zuerst veröffentlicht am 18.05.2022 auf welt.de.

  • Ruth Hoffmann und Stauffenberg

    Die Journalistin Ruth Hoffmann hat ein Buch über die Erinnerungs- und Gedenkkultur rund um das so genannte Stauffenberg-Attentat geschrieben. Es heißt „Das deutsche Alibi“. Das Buch war für den Deutschen Sachbuchpreis 2024 nominiert. In meiner Rezension für „der Freitag“ zeige ich vielleicht auch, warum sie den Preis ganz zu Recht nicht bekommen hat.

  • Künstliche Intelligenz und seltene Sprachen

    Die großen Sprachmodelle, die natürliche Sprachkommunikation simulieren, Nachrichten generieren, Daten in lesbare Texte umwandeln, lange Essays zusammenfassen und Werbeslogans erstellen können, basieren auf umfangreichen Textdaten. Diese Trainingsdaten sind größtenteils in englischer Sprache verfasst. Es ist möglich, solche Modelle relativ einfach auf Sprachen anzuwenden, die eng mit dem Englischen verwandt sind, indem Anfragen ins Englische übersetzt und die Antworten wiederum zurückübersetzt werden, z. B. ins Deutsche.

    Aber auch bei europäischen Sprachen wie Deutsch geht dabei ein Teil der sprachlichen Vielfalt verloren. Bei Sprachen, die stark vom Englischen abweichen, wie Thai, Vietnamesisch, Hindi oder Suaheli, wird dies zu einem noch größeren Problem. Hinzu kommt, dass diese Sprachen zwar von vielen Menschen gesprochen werden, aber nur wenig in digitalisierter Form vorliegen, womit das Training der Textmodelle erschwert wird. Man spricht von so genannten Low Resource Languages.

    Welche neuen Kommunikationsprobleme entstehen, besonders in sozialen Situationen, wenn diese Sprachwelten aufeinandertreffen? Wie wirkt sich die durch KI geprägte Sprache der Medizin auf die Alltagssprache traditioneller Sprachen aus? Darüber habe ich einen Vortrag für das Afrika-Asien-Institut der Universität Hamburg, die Hamburger Gesellschaft für Thaiistik und das Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin gehalten. Der Vortrag ist online bei YouTube verfügbar.

    https://youtu.be/YQBoUdj6Y7Y?si=IL3oi485ZfPGThhG

  • Gott und die Hoffnung

    In der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift Theologie der Gegenwart ist mein Aufsatz „Der plausible Gott und die Hoffnung in der Krise“ erschienen. Wo ist Gott, wenn die Menschen sich selbst und die ganze Schöpfung in Gefahr bringen? Sprechen die Krisen und Katastrophen, die von Menschen immer wieder heraufbeschworen, ausgelöst und durchlitten werden, nicht überhaupt dagegen, dass ein Gott die Welt und die Menschen geschaffen hat? Warum sollte Gott ein Wesen als Teil seiner Weltschöpfung schaffen, dass diese Schöpfung in Gefahr bringt und durch Selbstüberschätzung, Unachtsamkeit und Begierden zumindest ein Teil dieser Schöpfung wieder vernichtet? Spricht all das nicht eher überhaupt dagegen, dass es einen Gott gibt, der diese Welt nach seinem Plan eingerichtet und dem Menschen darin Raum gegeben hat? Lässt sich ein Schöpfergott angesichts der Welt, wie sie ist und wie sie von uns Menschen stetig verändert wird, überhaupt plausibel denken? Diesen Fragen gehe ich in diesem Essay nach.

  • Hobby oder Arbeit

    Wir reden über Hobbies, als wären sie eine Nebensache, der eigentlichen Arbeit, mit der man Geld verdient, nachgeordnet. Aber egal, ob jemand künstlerisch tätig ist, schneidert, gärtnert oder musiziert – es kann sein, dass darin der eigentliche Lebenssinn besteht, und dass genau genommen der Broterwerb eine lästige Nebensache ist. Was macht mich aus, was ist mir wichtig? Darum geht es in meiner neuen Kolumne beim Alber-Verlag.

  • Neue Musikschule in Münster-Mauritz

    Ich hatte und habe das große Vergnügen, junge Leute, Musikerinnen, Musikpädagogen, Künstlerinnen, beim Start eines wunderbaren Projekts zu begleiten. Sie haben vor wenigen Wochen eine freie Musikschule gegründet, die sich als Genossenschaft organisiert – und der Name Klangfarben weist schon darauf hin, dass da mehr geplant ist als Klavierunterricht und Geigenstunden. Auch Kunstkurse in Malerei und bildender Kunst wird es bald geben, und wer weiß, vielleicht auch mal Seminare zur Philosophie der Kunst und der Musik. Klangfarben wird eine junge, kreative, dynamische Kunst- und Musikschule, und ich bin sehr froh, dazu beizutragen.

  • Wie intelligent ist eine KI, die Kaffee kochen kann?

    Für den Apple-Mitbegründer Steve Wozniak war es ein Hinweis auf Intelligenz, wenn ein Computer in der Lage ist, in einem fremden Haus eine Tasse Kaffee zuzubereiten. Heute gilt sein Gedankenexperiment als möglicher Test auf Allgemeine Künstliche Intelligenz. Aber wie intelligent ist es eigentlich, einen Kaffee zu kochen, wenn man keinen Kaffee mag? Dem gehe ich in meiner neuen Reflexe-Kolumne beim Verlag Karl Alber nach.

  • Wehrpflicht und Dienstpflicht

    Die allgemeine Wehrpflicht ist wieder ins Gespräch gebracht worden, zuletzt durch den CDU-Vorsitzenden Friedrich Merz, aber auch durch den Verteidigungsminister Boris Pistorius. Fast könnte man meinen, es sei schon fast ausgemacht, dass es in ein paar Jahren für junge Leute ganz selbstverständlich wieder eine Pflichtzeit für die Gesellschaft gibt, sei es in der Bundeswehr oder anderswo. Hier mein Beitrag zur Debatte, der schon vor zwei Jahren aus Anlass von damaligen Äußerungen des Bundespräsidenten erschienen ist.

    Der Bundespräsident hat für seine Anregung, einen allgemeinen sozialen Pflichtdienst für junge Leute einzuführen, viel Kritik bekommen. Zurecht, denn seine Begründung ist fragwürdig und der Sinn des Dienstes, den sich Frank-Walter Steinmeier vorstellt, ist nebulös. Steinmeier meint, dass eine solche Pflichtzeit irgendwie soziale Kompetenzen befördern und das Verständnis für andere Lebensentwürfe und Meinungen stärken würde. Warum das so sein sollte, bleibt im Ungefähren, dass etwa der Wehrdienst oder das freiwillige soziale Jahr besonders zur Stärkung solcher Fähigkeiten beigetragen hätte, kann bezweifelt werden.

    Viele vermuten, dass ein Pflichtdienst für die Pflegedienste, die sozialen Einrichtungen und die Bundeswehr nicht anderes sein würde als die Bereitstellung billiger Hilfskräfte mit geringen Kompetenzen, die am Ende mehr Zeit kosten, als sie Nutzen bringen, für die jungen Menschen auf jeden Fall verschenkte Lebenszeit, in der man im besten Fall ein paar interessante Leute kennengelernt hat, die man aber auch in der Ausbildung, beim Studium oder beim Weltenbummel treffen könnte.

    Dennoch kann eine Pflichtzeit eine sinnvolle Sache sein. Es sei daran erinnert, wozu die Wehrpflicht, die als Vorbild für jede gesellschaftliche Pflichtzeit dient, eigentlich da war. Die Rekruten sollten in ihrer Zeit in Uniform zwar einerseits auch sinnvolle Aufgaben erledigen, das Wichtigste aber war, eine militärische Grundausbildung zu bekommen und militärische Kompetenzen zu erwerben, die im Ernstfall später einmal wieder abgerufen werden könnten. Der Zweck der Wehrpflicht war vor allem, Reservisten hervorzubringen.

    Vielleicht brauchen moderne Armeen keine großen Heere von Soldaten mehr, sodass die Wehrpflicht in diesem Sinne nicht mehr nötig ist. Aber die Gesellschaft steht vor schwierigen Zeiten mit großen Herausforderungen. Klimakrise und Pandemien werden lokale und überregionale Notlagen schaffen, die ein schnelles, diszipliniertes und organisiertes Handeln von Kräften erfordern, die zügig am Ort der Katastrophe sein können und da effektiv arbeiten. Wir sehen heute, wenn es irgendwo zu einem Katastrophenfall kommt, sei es eine Überschwemmung, sei es ein lokal besonders heftiger Ausbruch einer Pandemie, dass die ausgebildeten Spezialkräfte der Feuerwehren, des THW und der Polizei schnell überlastet sind, und die Selbsthilfe vor Ort scheitert an fehlenden Fähigkeiten und mangelnder Organisation.

    Was eine zunehmend verletzliche Gesellschaft braucht, ist ein breiter Zivilschutz, der sich im Bedarfsfall schnell aus lokalen Kräften rekrutierten kann. Solche einen Zivilschutz aufzubauen, kann ein vernünftiger Zweck einer Pflichtzeit sein, in der junge Menschen das Rüstzeug für den Einsatz im Katastrophenfall erwerben. Dazu gehört eine fundierte Sanitätsausbildung, die auch im Alltag hilfreich sein kann, aber auch Fähigkeiten beim Errichten von Notunterkünften, beim Beseitigen von Störungen der Verkehrswege und vieles mehr. Dazu gehört aber vor allem auch, zu lernen, sich diszipliniert in eine effektive Organisationsstruktur einzufügen, in der klar geregelt ist, wer entscheidet und in der nicht lange diskutiert, sondern entschlossen gehandelt wird.

    Ein solcher Pflichtdienst kann den jungen Menschen tatsächlich eine Menge interessanter Erfahrungen bieten und überraschende Kompetenzen fürs Leben vermitteln. Davon würde die Gesellschaft sicher wirklich im Ganzen profitieren, und am Ende würde das auch den Zusammenhalt in dieser Gesellschaft fördern. Aber nicht, weil man mal ganz andere Leute kennengelernt hat, wie der Bundespräsident meint, sondern weil man gelernt hat, wie man konzentriert und diszipliniert gemeinsam handelt, wenn die Gesellschaft in Not ist.

  • Vom Besteigen hoher Berge. Nachdenken über ein Gedicht von Volker Braun

    (Erschienen in „Oben und Unten“ Philosophisch-Literarische Reflexionen. 2013. Herausgegeben von Monika Schmitz-Emans und Kurz Röttgers.)

    Das Gedicht Vom Besteigen hoher Berge des heute (2024) 85jährigen ostdeutschen Dichters Volker Braun erschien 1974. Es nimmt im Untertitel Bezug auf einen Text des russischen Revolutionsführers Wladimir Iljitsch Uljanov, der unter dem Namen Lenin bekannt geworden ist.

    Lenin hatte 1924 einen Text mit dem gleichen Titel geschrieben, der in der sowjetischen Parteizeitung Pravda veröffentlicht worden war.[1] Dort beschreibt er – als Gleichnis für die aktuelle Situation der kommunistischen Revolution – die Lage eines Bergsteigers, der sich als erster an den Aufstieg zu einem Berggipfel gemacht hat und sich nun in einer Situation befindet, bei der er keine Möglichkeit mehr sieht, auf direktem Wege weiter zum Gipfel voran zu kommen. Er muss sich entschließen, ein Stück abzusteigen und von einem niedrigeren Niveau aus einen neuen Weg nach oben zu suchen.

    Bei Lenin sehen wir einen einzelnen Bergsteiger, der ganz auf sich gestellt ist und seine Entscheidungen für sich trifft, im Angesicht seiner ganz persönlichen Einschätzung des weiteren Weges, seiner Möglichkeiten, weiter nach oben zu gelangen. Er wird zwar von anderen, die im sicheren Tal sitzen und den Aufstieg aus der Ferne beobachten, beurteilt, und jene anderen sind dem Bergsteiger offenbar auch nicht gleichgültig, aber in seinem Kampf, voranzukommen oder abzusteigen, in seinem Zweifel über das Risiko, das ihn beim weiteren Aufstieg oder im Abstieg erwartet, ist er allein.

    Lenin ist die Situation des Bergsteigers ein Gleichnis auf die Lage des russischen Proletariates Anfang der 1920er Jahre. Der Gipfel, das ist die kommunistische Gesellschaft, die das Proletariat erreichen will, und der beschwerliche Aufstieg, das ist die Umgestaltung der Gesellschaft, die mal schwieriger und mal einfacher ist, und die auch in Sackgassen führen kann.

    Bevor ich mich dem Unterschied zwischen dem Bild, das Lenin zeichnet, und dem, das Braun vor unseren Augen entwirft, zuwende, möchte ich einen Moment bei der Metapher des Bergsteigens verweilen. Offenbar geht es darum, ein Ziel zu erreichen, warum es wünschenswert ist, zu diesem Ziel zu kommen, ist nicht bekannt. Der Berggipfel als Ziel genügt sich selbst, ist Selbstzweck. Man muss nicht erklären, warum man ihn erreichen möchte. Der Berggipfel ist ein leuchtendes Ziel, das heißt zweierlei: einerseits ist er weithin sichtbar, wie ein Leuchtfeuer etwa. Andererseits leuchten die Berge auch am  Morgen und am Abend, wenn das Tal noch oder schon wieder im Dunkel liegt. Auf den Gipfeln ist mehr Licht als im Tal, der Gipfel liegt oft im Sonnenschein, wenn es unten im Tal trübe ist. Licht, das ist Klarheit, Überblick, Wissen. Der Gipfel selbst bietet nicht unbedingt mehr Raum als der Platz im Tal, von dem aus der Bergsteiger startet, aber vom Gipfel aus hat man einen größeren Raum im Überblick und dieser Überblick verschafft auch das Gefühl von Überlegenheit gegenüber denen, die im Tal sitzen.

    Der Gipfel ist weithin sichtbar und als Ziel klar zu benennen. Wenn er erreicht ist, dann ist vielleicht auch das Wünschen an ein Ende gekommen. Deshalb eignet sich das Bergsteigen so gut als Gleichnis für manches menschliche Tun, das ein weit entferntes großes Ziel anstrebt. Aber das „Besteigen hoher Berge“ ist nicht nur wegen des Zieles eine gute Metapher für das zielgerichtete Streben der Menschen, sondern auch wegen des Weges. Man sagt manchmal „Der Weg ist das Ziel“ und meint damit, schon die Bewegung allein sei ein Zweck, der sich selbst genügt. Das mag für das Wandern richtig sein, aber keineswegs für das Bergsteigen. Beim Bergsteigen geht es immer um das Ziel, der Weg dorthin ist zweitrangig, vor allem wenn es, wie im Falle unserer Texte, um Erstbesteigungen eines Gipfels geht. Den Weg, der zum Gipfel führen soll, zu begehen, hat nur Sinn, wenn am Ende das Ziel auch erreicht wird.

    Damit wird die Gipfelbezwingung durch den Bergsteiger zur geeigneten Metapher für jedes menschliche Tun, das nur dann erfolgreich und sinnvoll genannt werden kann, wenn das Ziel, das vorher benannt ist, auch wirklich erreicht wird. Das Erreichen des Gipfels ist eben ein Höhepunkt, der so genannte „krönende Abschluss“ des Unternehmens, und immer, wenn ein Bergsteiger vorher aufzugeben gezwungen ist, dann ist er gescheitert.

    Aber der Gipfelsturm hat das Zeug zur Metapher weit darüber hinaus. Der Gipfel ist, an guten Tagen, weithin sichtbar, klar auszumachen und über die Frage, was es heißt, auf dem Gipfel zu stehen – nicht mental, aber faktisch – ist leicht Konsens zu erzielen. Der Weg zum Gipfel aber ist nicht so klar zu sehen, zu benennen oder zu planen. Zum Gipfel führt gar kein Weg, der Weg zum Gipfel entsteht erst, indem er gegangen wird. So ein Weg ist eine ganz persönliche Sache, das unterscheidet den Weg zum Gipfel ganz grundsätzlich von Wegen, die wir im Alltag kennen und die uns unsere Kultur und die kulturelle Gestaltung unserer Alltags-Wirklichkeit vorgegeben sind. Der Weg, den der Bergsteiger sich gesucht hat, ist sein Weg, es mag bessere oder schlechtere geben, es war der Weg, auf den er zum Ziel kam oder auf dem er gescheitert ist.

    Ist auch das Ziel bekannt, so liegt der Weg im Unbekannten, und das Bergsteigen ist somit der Aufbruch ins Unbekannte zu einem Bekannten hin. Das Problem ist zudem, dass während des Bergsteigens das Ziel notgedrungen aus den Augen gerät. Während der Tour ändert sich die Perspektive und ums näher der Gipfel kommt, desto weniger sehen seine Bezwinger von ihm. Das nächste Hindernis ist so groß, dass es den Gipfel selbst für gewöhnlich verdeckt. Das führt auch dazu, dass der Bergsteiger seine Route nicht strategisch planen kann: Er sieht nur die Möglichkeiten des weiteren Aufstieges in seiner unmittelbaren Nähe, ob es besser wäre, im Moment einem etwas schwierigeren Pfad zu folgen um einige Meter weiter oben überhaupt noch weiter zu kommen, bleibt ihm verborgen.

    (Wir betrachten hier natürlich nicht den technisch aufs Beste mit digitalen und hoch auflösenden Satellitenbildern ausgestatteten modernen Bergsteiger der jederzeit sein Smartphone befragen kann, wie weit es bis zum nächsten Plateau wohl ist und der sich vielleicht über eine App die jederzeit optimale Route zum Gipfel berechnen lassen kann.)

    Das Bergsteigen ist somit als Gleichnis geeignet für alles menschliche Wirken das große Ziele anstrebt, sich aber im Alltag mit den Mühen des konkret vorgefundenen herumplagen muss, bei denen das wunderbare strahlende Ziel aus den Augen gerät und die tagtägliche Entscheidung über den nächsten Schritt oft mit viel Unsicherheit über die Frage getroffen wird, ob der eingeschlagene Kurs letztlich näher ans Ziel führt oder das endgültige Scheitern des Vorhabens besiegelt.

    So ausgestattet möchte ich mich nun an das Gedicht von Volker Braun machen und mich vor allem darauf konzentrieren, was sein Bild von dem Lenins unterscheidet und was das für uns bedeuten kann.

    Braun beginnt scheinbar mit einem Paradoxon:

    „Jetzt sind wir höher als die Baumgrenze geklommen

    Aber der Wald hat zugenommen“

    Eigentlich steckt schon in diesen zwei Zeilen alles, worum es mir heute geht. Zunächst: Braun spricht von „uns“. Während Lenins Bergsteiger alleine war, ist bei Braun eine Seilschaft unterwegs. Lenin hat zwar diesen einsamen Bergsteiger als Gleichnis für das ganze „russische Proletariat“ genommen, aber dieses war für ihn ein einziges Subjekt. Bei Braun haben wir es mit ein paar Leuten zu tun, die sich gemeinsam auf den Weg zum Gipfel machen. Die sind vermutlich nicht immer einig über den weiteren Weg, sie sind voneinander abhängig, sie helfen oder behindern einander, darauf werde ich zurückkommen. Jedenfalls sieht sich Braun als einer in einer Gemeinschaft, die miteinander verbunden, man könnte sagen, verstrickt sind.

    Wir sind über die Baumgrenze gekommen. Was zuerst wie ein Paradoxon klingt – dass nämlich oberhalb der Baumgrenze der Wald zunimmt, ist eigentlich tägliche Erfahrung bei all unserem tun. Die Baumgrenze ist unsere Konstruktion. Es gibt ein paar Leute, die sagen, dass die Baumgrenze die Höhe am Berg ist, wo keine Bäume mehr wachsen. Es gibt Wissenschaftler, die ausrechnen, dass an diesem oder jenem Berg oberhalb von soundsoviel Metern keine Bäume mehr wachsen können. Da ist dann die Baumgrenze. In dem Weltbild, das sich unsere Bergsteiger unten im Tal gemacht haben, war die Baumgrenze an einer klar definierten Stelle, die sie nun erreicht haben. Ihre Welt stimmt leider nicht mit der Wirklichkeit überein: Der Wald nimmt noch zu, Baumgrenze hin oder her.

    Wir haben es also mit einem ganz bestimmten Zugang zur Wirklichkeit zu tun, der letztlich in die Gefahr, zum möglichen Scheitern, führt: Dass wir uns ein Weltbild konstruieren und unser Handeln nach diesem Weltbild ausrichten, und dass wir die Realität, so lange es geht, ignorieren.

    Bei Lenin gab es solche Unterschiede zwischen Weltbild und Wirklichkeit nicht, sein Bergsteiger nahm die Realität so, wie sie ihm begegnete, er hatte gar keine Konstruktion von einer Baumgrenze im Kopf, nur das Bild vom Gipfel, den er von weitem, aber eben wirklich, gesehen hatte.

    „Jetzt haben wird das Lager errichtet

    Unter dem Gipfel: den keiner mehr sichtet.

    Jetzt hängen wir am Seil ungelenk

    Um nicht abzustürzen beim nächsten Schwenk“

    Da beobachten wir also die Seilschaft bei ihrem Tun, man ist nicht nur aufeinander angewiesen, man setzt auch die Hoffnungen in die andern (Möge doch irgendwer einmal wieder den Gipfel sichten!) Vor allem aber hängt man in dem Seil, das einen mit den anderen verbindet. Manch einer wird wissen, dass so ein Seil nicht nur sichert, sondern auch behindert, vor allem aber kann es passieren, dass eine unerwartete Bewegung eines Anderen mich selbst ins Stürzen bringt. Und wo es lang geht, das entscheidet immer der, der vorweg klettert, der ganz oben ist, und dessen Schwenks können die, die weiter unten sind, zum Abstürzen bringen.

    Braun zeichnet ein Bild, das von bestimmten Techniken und Verfahren geprägt ist, nach denen die Mitglieder der Seilschaft sich zu richten haben, und es scheint fast so, als wenn es gar nicht der Berg ist, der die Truppe davon abhängt, dass sie ihr Ziel erreichen, sondern eben diese Spielregeln, Verfahren, Richtlinien, Techniken, nach denen sich alle richten sollen. Hier lässt Braun alle metaphorischen Masken fallen, wenn er die „Eckziffern“ und die „Formulare“ auf den Felsen holt.

    In dieser bürokratischen Welt, in der zwar jeder mit jedem verknüpft ist, aber der eine dem anderen keine Sicherheit gibt sondern eher eine Gefahr bedeutet, löst sich auch die Gemeinschaft auf. Vielleicht könnte man sagen, dass das Band, das sie aneinander bindet, gerade nicht das soziale Band der Gemeinschaft ist, sondern eine Fessel, die Gemeinschaftlichkeit letztlich ausschließt. Wir erobern einen Platz auf der Leiter, indem wir über Mitarbeiter steigen.

    Dieser Ballast behindert aber nicht nur den Aufstieg, er führt auch dazu, dass der Berg verändert wird:

    „Das reicht uns bis an den Schritt.

    Jetzt schleppen wir jeden Tag den Berg mit“

    Das Bild ist vielleicht nicht ganz deutlich, aber an dieser Stelle ist zu erwähnen, dass ein Freund von Braun, der Regimekritiker Rudolf Bahro, zur gleichen Zeit und offenbar im Dialog mit Braun auch ein Gedicht geschrieben hat, das an Lenins Gleichnis anknüpft.[2] Bahro schreibt  von Bulldozern, die das Material den Berg regelrecht hinauf schieben, damit also den Weg nicht glätten, sondern zu einem unüberwindlichen Hindernis auftürmen. Überall wohin wir sehen, haben die Techniken und Werkzeuge, derer wir uns beim Gipfelsturm bedienen wollten, zu Fesseln und Behinderungen gewandelt.

    Das Nicht-Voran-Kommen macht müde, lässt Zweifel aufkommen, überhaupt auf dem richtigen Wege zu sein:

    „Müssen wir nicht längst umkehren

    Und von unsern Posten herabfahren.

    Und uns aus den Sicherungen schnüren

    Denn dieser Weg wird nicht zum Ziel führen.“

    Aber Braun sieht gar keinen Ausweg, er kann sich, unter den Bedingungen des technischen und geregelten Eingebundenseins in die Gemeinschaft, in die Gruppe, nicht vorstellen, dass es ein Zurück gibt. Bei Lenin war das noch selbstverständlich denkbar, da er ein einzelnes Subjekt im Bild hatte, das allein die Entscheidung treffen konnte. Auch für Brauns Zeitgenossen Bahro gibt es eine Alternative zum „Weiter so!“: Er schreibt: „Ich werde absteigen, und ich werde nicht allein sein.“ Und Bahro ist ja diesen Weg auch gegangen, er hat Die Alternative[3] formuliert mit deren Veröffentlichung in der Bundesrepublik 1977 er sich ganz eindeutig „aus den Sicherungen geschnürt“ hat.

    Damit komme ich zu der Frage, warum mich das Gedicht Volker Brauns eigentlich noch heute beschäftigt. Als ich es zum erstem mal las, war es rund 10 Jahre alt und ich selbst gerade einmal 10 Jahre älter, ein rund 20jähriger Student an der Humboldt-Universität zu Berlin, wie es sich gehört, voller Ideale. Ich las in Brauns Gedicht ein Gleichnis auf die immer noch aktuelle Situation des real existierenden Sozialismus, das ferne Ziel einer nichtkapitalistischen menschlichen Gesellschaft im Kopf aber nicht vor Augen, da in den Mühen des Alltags das ferne, strahlende, hohe Ziel aus dem Blick geraten war. Brauns Frage war unsere Frage, und fünf Jahre später, 1989, haben wir erneut versucht, eine Antwort darauf zu geben. Wir haben uns aus den Sicherungen geschnürt und uns im Free Climbing versucht. Was dann kam, erschien uns jungen linken Intellektuellen als ein Absturz, den wir zwar überlebten, aber als wir uns mühsam berappelten war von einem strahlenden Gipfelziel nichts mehr zu sehen. Brauns Bücher habe ich für lange Zeit weit fort gelegt.

    Nun habe ich mich im Verlaufe fast eines viertel Jahrhunderts in neue Seilschaften eingebunden, habe neue Kletter- und Sicherungstechniken gelernt, habe in der Ferne neue lohnende Gipfelziele, kleine und große, entdeckt. Natürlich hat keines davon die Strahlkraft wie der große, alles überragende Gipfel der kommunistischen Gesellschaft, der meine Jugend dominiert hat, und der, wie ich heute zu wissen glaube, eine optische Täuschung oder eine geschickt gebaute Kulisse war. Und die Tatsache, dass es heute viele lohnende Gipfel zu geben scheint, die man erreichen und wieder verlassen kann, um zu neuen aufzubrechen, erweckt zunächst den Eindruck, dass Brauns Gedicht nicht zum Gleichnis für unsere heutigen Anstrengungen taugt.

    Und doch: Über die gelernten Techniken und die Werkzeuge, die uns mehr behindern als sie uns sichern oder nützen, verlieren wir das Ziel, zu dem wir eigentlich immer auf dem Weg zu sein glauben, aus dem Blick. Wir knüpfen uns ein, wir vernetzen uns sogar, in Strukturen, die uns halten sollen und die uns eigentlich fesseln. Die Frage, ob nicht ein Zerreißen dieser Netze, das Verlassen der Sicherungen, das Ausbrechen die richtige Entscheidung wäre, stellt sich Tag für Tag.

    Es scheint, dass es tatsächlich eine tiefe strukturelle Verwandtschaft zwischen jener Gesellschaft, in der Braun seinen Text schrieb, und der, in der wir heute unseren Alltag bestreiten, gibt. Diese Verwandtschaft liegt nicht in den großen Machtstrukturen. Es ist die kleinteilige Substanz der Gesellschaft, die in den Regeln und Techniken besteht, die der einzelne akzeptieren soll, in die er eingeübt wird und aus denen er sich nicht befreien kann. Die Regeln von denen wir glauben, dass sie uns sichern, die Techniken, die uns stützen sollen, behindern uns bei jedem Schritt Richtung Gipfelziel mehr. Wir begeben uns in ein Netz aus Verfahren und Werkzeugen, wir wollen sie nutzen und verpassen den Moment, in dem wir noch frei entscheiden können, uns aus ihnen wieder zu befreien.

    Darum geht es, so sehe ich es heute, in Brauns Gedicht, und es bleibt deshalb ein Gleichnis auf unseren täglichen Kampf, solange wir in einer technischen Gesellschaft leben. Verfahren, Regeln, Werkzeuge, Techniken, daraus ist das moderne, neuzeitliche soziale Netz gemacht. Irgendwie, kommt man damit auch voran, und dieses Vorankommen nennen wir den Fortschritt. Ob wir damit auch leuchtende Ziele erreichen können, ist allerdings ungewiss.


    [1] Wladimir Iljitsch Lenin: Notizen eines Publizisten. Zuerst veröffentlicht am 16. April 1924 in der Prawda. In: W. I. Lenin: Werke Band 33, Berlin 1966, Seite 188-191.

    [2] Bahro, Rudolf:

    [3] Bahro, Rudolf: Die Altenative