Kategorie: Gesellschaft

  • Der Jargon der Analytischen Philosophie

    Neulich hatte ich auf X (ehemals Twitter) eine Diskussion mit einem deutschen Universitätsprofessor für Praktische Philosophie. Es ging um die Existenzweise sozialer Tatsachen, insbesondere von normativen epistemischen Tatsachen wie „Die These X ist gut belegt“. Ja, liebe Leser, solche Diskussionen kann man auf der viel kritisierten Plattform tatsächlich führen. Ich vertrat den Standpunkt, solche Tatsachen würden auf andere Weise existieren wie etwa die Tatsache, dass zwei Gegenstände sich entsprechend des Gravitationsgesetzes anziehen, der Professor hingegen meinte, beide Existenzen seien gleichermaßen objektiv.

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  • Fragen zu einer israelisch-arabischen Friedensordnung

    Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs vor 80 Jahren wurden in Europa die Grenzen neu gezogen. Deutschland musste vor allem in Osteuropa Gebiete abtreten. Im Zuge dieser Neudefinition nationalstaatlicher Gebilde mussten viele Millionen ihre Heimat verlassen und sich in fremden Gegenden neu ansiedeln.

    Das, was damals entstand, wurde später die europäische Friedensordnung genannt, eine Konstruktion, die zumindest in Mitteleuropa seitdem hält. Dass sie funktioniert, hat viele Ursachen, aber eine dürfte sein, dass es außerhalb der Grenzen der beiden deutschen Staaten kaum noch deutsche Bevölkerung gab. Man stelle sich vor, in Polen und in der Tschechoslowakei hätten in den 1950er und 1960er Jahren noch nennenswerte deutsche Bevölkerungsgruppen gelebt, die womöglich nicht durch vollständige Integration verschwunden wären, die vielleicht Diskriminierung und Unterdrückung beklagt hätten – das wäre in jedem Fall ein destabilisierendes Element für die Friedensordnung gewesen.

    Umsiedlung von Bevölkerungen, die räumliche Trennung von Gruppen, die sich unterschiedlichen Nationen zugehörig fühlen, ist für die betroffenen oft grausam und schmerzhaft, sie verlieren ihre Heimat, oft ihre vertrauten Nachbarn und ihr Hab und Gut. Sie kann aber auch ein langfristig erfolgreiches Verfahren zur Friedenssicherung sein, wenn anders immer wieder Krieg und Terror aufflammen.

    Die Situation im Nahen Osten heute ist völlig anders als die in Europa vor 80 Jahren, deshalb kann man nicht aus der gelungenen Friedensordnung hier auf die Zukunft Israels und seiner Nachbarn nach Jahren von Terror, Kriegen, Konflikten und Gewalt schließen. Und die Umsiedlung von Menschen in andere Gebiete kann auch zu neuen Konflikten und Unruhen führen. Aber das heißt nicht, dass man den Gedanken prinzipiell als unmenschlich, rechtswidrig oder absurd zurückweisen sollte, nur weil er vom aktuellen USA-Präsidenten Trump geäußert wird.

    Viele Fragen sind offen, die vom bequemen Schreibplatz des Publizisten in Deutschland aus nicht beantwortet werden können. Wieviel Heimatgefühle verbinden palästinensische Familien mit dem Gaza-Streifen? Würden sie sich vielleicht sogar gern eine neue Heimat suchen, weit weg von der Herrschaft der Terrororganisation Hamas? Dass die Terroristen vehement gegeben die Idee der Umsiedlung der palästinensischen Bevölkerung sind, ist klar, sie würden ihr Schutzschild verlieren und das Volk, das sie für ihre Terrorherrschaft brauchen, ginge ihnen verloren. Wo können Menschen aus Palästina eine neue Heimat finden, wer würde sie aufnehmen und unter welchen Bedingungen? Warum sträuben sich arabische Nachbarn gegen diesen Plan, welche Sorgen verbinden sie damit? Welche Sicherheiten und welche Unterstützung müsste die internationale Gemeinschaft bieten? Wie kann man dafür sorgen, dass Integration gelingt und keine neuen Terrorzellen entstehen?

    All das sind Fragen, die man angehen kann, wenn man die Idee, die Trump da geäußert hat, erst einmal als denkbar zulässt. Man muss sich schließlich eingestehen, dass alle bisherigen Initiativen zur Beilegung des Konfliktes zwischen Israel und seinen arabischen Nachbarn, insbesondere den Palästinensern und denen, die sie unterstützen, in den letzten Monaten grausam gescheitert sind. Die Welt, die Jüdinnen und Juden in Israel eine sichere Heimat versprochen hat, trägt die Verantwortung dafür, dass diese Sicherheit endlich Realität wird und nicht durch grausame Kriege gegen die Nachbarn erkauft wird. In Europa hat es lange gedauert und war schmerzhaft, bis eine Friedensordnung etabliert werden konnte. Auch eine arabisch-israelische Friedensordnung muss möglich sein.

  • Bundestag ohne Koalition

    Koalitionen und Koalitionsverträge sind für die Organisation des Parlaments vom Grundgesetz nicht vorgesehen. Inzwischen können wir uns zwar kaum noch vorstellen, dass es auch ohne ginge, aber die letzten Sitzungen des Bundestags vor der Wahl haben gezeigt, dass es womöglich sogar besser laufen könnte als mit Koalitions- und Fraktionsdisziplin. Darüber habe ich beim Cicero geschrieben (nur mit Abo lesbar).

  • PEN Berlin, Gaza und die Pressefreiheit

    Gestern gab es eine außerordentliche Mitgliederversammlung des PEN Berlin, auf dem eine Resolution zum Schutz von Presseleuten im aktuellen Krieg im Nahen Osten gefunden und verabschiedet werden sollte. Es gab drei Anträge, einen hatte ich mit eingereicht und auch an einem weiteren, der als Kompromiss gedacht war, hatte ich mitgearbeitet. Ich hatte dem Kompromiss sogar vorher schon zugestimmt, allerdings unter der Bedingung, dass die Namen derer, die da auf palästinensischer Seite als „Journalist:innen“ und „unsrer Kolleg:innen“ bezeichnet wurden, noch geprüft werden. Das ist leider nicht ausreichend geschehen. Angenommen wurde am Ende dieser Kompromiss. Eine Gruppe von rund 20 Personen, zu der ich gehöre, gibt dazu nun die folgende Erklärung ab:

    Öffentliche Distanzierung von Mitgliedern des PEN Berlin zur Resolution der Mitgliederversammlung am 8. Dezember 24

    Am 8. Dezember hat die Mitgliederversammlung des PEN Berlin eine Resolution „Für den Schutz von Schriftsteller:innen und Journalist:innen im aktuellen Nahostkonflikt“ verabschiedet. Es ist uns ein Bedürfnis, uns von dieser Resolution im jetzigen Wortlaut zu distanzieren. In einem Absatz, beginnend »Zu den Toten gehören unsere Kolleg:innen …«, legt die Resolution eine Solidarisierung auch mit Autor:innen nahe, die gegen Jüd:innen gehetzt haben und/oder als Propagandist:innen des Terrors von Hamas und Hisbollah tätig waren. Diese Autor:innen wollen wir nicht als unsere Kolleg:innen bezeichnen.

    Darunter ist beispielsweise der Autor Refaat Alareer. Er hat unter anderem öffentlich geleugnet, dass es während des Terrorangriffs der Hamas am 7. Oktober 2023 sexualisierte Gewalt an israelischen Frauen gegeben hat und diese Berichte als israelische Propagandalügen bezeichnet.
    Aufgeführt wird auch Mustafa Al-Sawwaf, Autor in palästinensischen Medien und hochrangiger Hamas-Funktionär. Er widersetzte sich unter anderem den Plänen, den Holocaust in den palästinensischen Schul-Lehrplan aufzunehmen.
    Ebenfalls genannt werden Personen, die für Al-Aqsa-TV, betrieben von der Terrororganisation Hamas, oder die iranische Tasnim News Agency gearbeitet haben, die ebenfalls Propagandamedien der Terrorist:innen sind, wobei wir uns der Zwänge, denen Medienschaffende in Diktaturen unterliegen, bewusst sind.
    Doch Menschen, die sich lautstark an der Dehumanisierung der anderen Seite beteiligten, waren nie unsere Kolleg:innen, sie genießen nicht den Schutz der PEN Charta.
    Zum Schutz der freien Presse gehört es, Journalismus von Terrorpropaganda zu unterscheiden, daher gilt unsere Verbundenheit und Solidarität allen Journalist:innen, die ihr Leben für eine freie Berichterstattung gerade aus Kriegsgebieten riskieren.
    Unsere Verbundenheit und Solidarität gilt allen Jüd:innen und Israel:innen, die seit dem 7.10.23 international Ausgrenzung, Diffamierung und Terror durch eine antisemitische Allianz erfahren: Wir sind an ihrer Seite.
    Unsere Trauer gilt den viel zu vielen Unschuldigen, die Opfer der israelischen Kriegsführung wurden und werden. Unsere Solidarität gilt allen Menschen, die, nicht erst seit dem 7.10.2023, unter dem Terror der Hamas, Hisbollah, et al. leiden, unserer Trauer jenen, die ihm zum Opfer gefallen sind. Wir trauern um alle Menschen, die durch den Krieg gegen den Terror sterben.

  • Politische Streitkultur

    Wie steht es um die politische Streitkultur? Heute wird der Streit zunehmend unversöhnlich geführt. Statt der Empörungs-Kultur bräuchte es wieder mehr Lust an der zwar leidenschaftlichen, aber auch konstruktiven Auseinandersetzung im politischen Diskurs. Darüber habe ich am Samstagmorgen bei WDR 3 ein Gespräch über Politische Streitkultur geführt.

  • ÖRR: Mehr Gesellschaft, weniger Politik

    Der Öffentlich-Rechtliche Rundfunk steht in Deutschland vor tiefgreifenden Reformen. Seine wichtigste Aufgabe kann weder politische Aufklärung noch das Bedienen aller Nischenbedürfnisse sein. Vielmehr muss er sich als Ermöglicher von Gemeinschaft verstehen, muss die Basis für Gemeinsamkeiten gestalten, auf der verständnisvoller Streit über Differenzen erst möglich wird. Darüber habe ich auf welt.de geschrieben.

  • „Oberindianer“ und „Schlageraffen“

    Das Wort „Indianer“ ist genauso unproblematisch wie das Wort „Affe“. Es kommt drauf an, wie man es verwendet, wozu es in der Kommunikation eingesetzt wird. Wer jemanden als „Oberindianer“ bezeichnet, meint das ja nicht neutral, sondern im besten Fall ironisch. Und damit diese Ironie funktioniert, muss man ein bestimmtes Bild von Indianern haben, das bedenklich ist. Darum geht es in meinem Stück auf Freitag.de

  • Wieviel Ethik-Kompetenz gibt es im Deutschen Ethikrat?

    Nach monatelangen Verzögerungen hat die Bundesregierung nun auch „ihre“ Experten für den Deutschen Ethikrat benannt. Bedenkt man, dass die Ethik ein Bereich der Praktischen Philosophie ist, würde man erwarten, dass vor allem Leute aus diesem Bereich dort anzutreffen wären. Aber weit gefehlt. Wie dieses Fehlen ist auch die Konzentration auf wenige gesellschaftliche Themen befremdlich. Es geht vor allem um Gesundheit, außenpolitische Themen wie Waffenlieferungen in Kriegsgebiete scheinen keine ethische Dimension zu haben. Darüber habe ich in der WELT geschrieben.

  • Rassismus in Rassismusfreier Sprache

    Sind wir nicht mehr rassistisch, sobald wir aus unserer Sprache alle rassistischen Wörter getilgt und durch Attribute ersetzt haben, die unsere besondere Sensibilität für Unterdrückung oder eigene Überhebung verdeutlichen sollen, sobald wir zudem alle kulturellen Praktiken, die von Rassismusforschern als rassistisch geprägt identifiziert werden, abgelegt, sobald wir aus allen Büchern und Kunstwerken die Spuren rassistischer Traditionen getilgt haben? Verfolgt man die oft hitzigen Debatten über die Verwendung bestimmter Begriffe, über die Überarbeitung von Kindebüchern oder über die Vermeidung von stereotypischen Kostümen und Verkleidungen beim Karnevall und beim Sternensingen, dann kann man den Eindruck gewinnen, es käme vor allem darauf an, die Spuren des Rassismus aus unserer Gegenwart zu tilgen und schon wäre das Problem des Rassismus beseitigt. Aber ist das wirklich der Fall?

    Wie entstand überhaupt der Rassismus, insbesondere gegenüber den Menschen aus Afrika und den nativen Einwohnern der Amerikas? Als die europäischen Seefahrer vor Jahrhunderten diese Kontinente vor Jahrhunderten entdeckten und feststellten, dass dort Menschen lebten, berichteten sie in ihrer Heimat nicht schlicht über die Andersartigkeit und Fremdheit der dortigen Kulturen – vielmehr wurden diese sofort als primitiv, roh und wild hingestellt. Die Europäer sahen sich auf einer höheren Kulturstufe und sie waren der Meinung, dass ganz selbstverständlich die Bewohner anderer Kontinente, die ihrer Meinung nach eine minderwertigere Art zu leben hatten, von den Europäern zu lernen hätten, dass die Europäer zu Lehrern und Herrschern über die Menschen der anderen Kontinente bestimmt seien. Ob sie die Meinung vertraten, dass die nativen Einwohner Afrikas und Amerikas auch biologisch auf einer niedrigeren Stufe stünden oder ob sie sie eher als kulturell rückständig beurteilten, kann dahingestellt bleiben, der Rassismus ist vor allem die Vorstellung der eigenen kulturellen, technischen, ökonomischen und politischen Überlegenheit, die Überzeugung, hierin einen Vorsprung zu haben, gepaart mit der Meinung, die anderen müssten, wenn sie denn könnten, unter Anleitung der Europäer ihren Rückstand aufholen, um am Glück und Wohlstand, den diese bereits erreicht hatten, teilhaben zu können. Ablehnung und Widerstand wurden als mangelnde Fähigkeit gedeutet, den offensichtlichen Segen, den Europa über die Welt bringen könnte, zu verstehen.

    Die Fassung dieser europäischen Überheblichkeit in eine rassistische Sprache und in kulturelle Symbole, die sich an Äußerlichkeiten festmachen können, war zunächst nur ein Vehikel, ein Hilfsmittel der Kommunikation des eigentlichen kulturellen Imperialismus Europas. Es machte die Sache einfacher, kulturelle Fremdheit, die man als Primitivität denunzieren wollte, mit habituellen Merkmalen und Äußerlichkeiten zu bündeln.

    Nun kann man sagen, dass der Rassismus der Äußerlichkeiten inzwischen seine Aufgabe erfüllt hat, der kulturelle Imperialismus des Westens ist sogar dabei, seine Herkunftsregion hinter sich zu lassen. Kaum jemand wird heute noch eine Person als primitiv oder zurückgeblieben ansehen, weil ihre Statur, ihre Hautfarbe oder ihr Gesichtsschnitt nicht dem europäischen Durchschnitt entspricht. Schon seit langem ist akzeptiert, dass auch eine in Afrika geborene Person in der Lage sein kann, eine große Philosophin, eine Wissenschaftlerin, Politikerin, Künstlerin oder Unternehmerin im Sinne der europäischen Tradition zu werden – wenn sie nur unter dem Einfluss dieser vorgeblich fortgeschrittenen Kultur aufgewachsen ist. Das Kino zeigt es uns jeden Tag, amerikanische Blockbuster wie europäische Kinderfilme zeigen Präsidenten oder junge Heldinnen jeglicher Hautfarbe und Gesichtsform als moderne Helden – wenn sie denn in den USA oder in Europa aufgewachsen sind, können sie auch die ganze Welt oder wenigstens ein Stück Urwald-Wildnis retten.

    Dieser Rassismus kann sich sogar umso besser verbreiten, desto mehr Klischees und Stereotype aus der Sprache und den Büchern verschwinden – denn dadurch wird wunderbar die Herkunft der europäischen Anmaßung verschleiert. Die Überzeugung von der eigenen Überlegenheit bleibt unbefragt.

    Angesichts der globalen Gefahren, die inzwischen von genau dieser Kultur ausgehen, die sich da über den Globus verbreitet hat, angesichts auch der zivilisatorischen Katastrophen, die diese Kultur zugelassen hat, wäre aber endlich die Frage zu stellen, ob wir nicht kulturell viel bescheidener werden müssten, ob wir nicht endlich wirklich und konsequent anerkennen müssen, dass sich unsere westliche Zivilisation zwar aus Kulturformen entwickelt hat, die denen der nativen Bevölkerungen Afrikas und Amerikas in einigen gleichen, und dass sie offenbar die ökonomische, politische und militärische Macht hatte, die anderen zu unterwerfen und weitgehend zu verdrängen, dass sie aber keineswegs als klarer Fortschritt zu einer rundum besseren Welt zu deuten ist. Zu einer solchen Besinnung wäre es womöglich hilfreich, nicht alle äußeren Spuren dieser Unterwerfungsgeschichte zu tilgen, sondern sie stehen zu lassen als Zeichen und Mal der Schande und als Steine des Anstoßes, über deren Folgen wir nachzudenken haben.

    Eine solche Besinnung fällt niemandem leicht, zu tief sind die Fortschritte unserer Kultur als angebliche Segnungen im Bewusstsein eines jeden verankert. Wer wollte nicht die europäischen Gesundheitssysteme, das Bildungswesen, die Gleichberechtigung von Mann und Frau als wichtige Errungenschaften und zugleich erfreuliche Vorteile gegenüber anderen Gesellschaften wie auch gegenüber früheren Jahrhunderten ansehen? Eine Besinnung müsste mit der Frage beginnen, wieviel Klischee und stereotype Vorstellungen über fremde Kulturen eigentlich in dieser Bewertung stecken. Was weiß ich wirklich über die Gesundheit und das Zusammenleben der Menschen in einer nativen Gesellschaft irgendwo in Afrika vor dem Eintreffen der Europäer? Nähren sich meine Überzeugungen nicht gerade aus den rassistischen Beschreibungen der Eroberer, fortgeschrieben in westlichen Ethnographien? Eine weitere Frage wäre, mit welchen Verlusten und Problemen wir unseren unverzichtbaren Fortschritt eigentlich erkaufen, nicht nur im Großen der Umweltprobleme, des Klimawandels und der Kriege, auch im Alltäglichen der Entfremdung und Einsamkeit.

    Ergebnis dieser Besinnung kann sein, dass nichts mehr übrig ist von der Überzeugung, dass wir irgend etwas besser verstehen und können in unserer westlichen Fortschrittskultur als die Menschen anderer Kulturen. Wir sind nur anders, und wir könnten, auch wenn das sehr schwer ist, die Andersheit der Anderen als Inspiration nehmen. Das ist leicht gesagt, und viele meinen vielleicht auch schon, das zu praktizieren. Ich selbst, der ich diese Zeilen schreibe, meine, dass ich davon noch weit entfernt bin. Mein Blick auf das Andere ist durch meine jahrzehntelange Einübung der eigenen Kultur geprägt, und ich kann kaum anders, als das Andere doch auf das Eigene abzubilden, es zu integrieren, es vielleicht zu imitieren. Aber dabei weiß ich nie, ob ich das Andere überhaupt verstanden oder ob ich es nicht in das Eigene umgedeutet und damit doch nur wieder angeeignet habe, in den großen Schmelztiegel der westlichen Kultur geworfen und damit letztlich vernichtet habe.

    Das Andere als Anderes stehen zu lassen und zu akzeptieren, dass man es nicht einfach erlernen kann, dass es ein vielleicht für immer unverstandendener anderer Weg zum menschlichen Glück ist, der nicht besser und nicht schlechter ist als mein eigener, auch wenn ich ihn ablehne oder mich nach ihm sehne – das wäre vielleicht der richtige Umgang mit dem Fremden. Es gerade nicht aneignen wollen, es auf diese Weise vor mir schützen und für eine bessere gemeinsame Zukunft bewahren – das könnte ein Weg sein, den kulturellen Imperialismus und Rassismus wirklich zu überwinden. Die Spuren unserer dann wirklich vergangenen Überheblichkeit sichtbar zu lassen, könnte dabei helfen.

    Dieser Text ist zuerst erschienen in der Schweizerischen Kirchenzeitung vom 24. Oktober 2024.