Neulich hatte ich auf X (ehemals Twitter) eine Diskussion mit einem deutschen Universitätsprofessor für Praktische Philosophie. Es ging um die Existenzweise sozialer Tatsachen, insbesondere von normativen epistemischen Tatsachen wie „Die These X ist gut belegt“. Ja, liebe Leser, solche Diskussionen kann man auf der viel kritisierten Plattform tatsächlich führen. Ich vertrat den Standpunkt, solche Tatsachen würden auf andere Weise existieren wie etwa die Tatsache, dass zwei Gegenstände sich entsprechend des Gravitationsgesetzes anziehen, der Professor hingegen meinte, beide Existenzen seien gleichermaßen objektiv.
Ziemlich am Ende der Diskussion, ich hatte meine Vorstellungen über die Existenzweise solcher Aussagen gerade zu begründen versucht und nun gebeten, mein Diskussionspartner möge doch seinerseits beschreiben, wie er seine Vorstellungen begründe, schrieb der Lehrstuhlinhaber, ich würde einen „starken Konstruktivismus“ vertreten, den würde er zurückweisen (allerdings ohne dass er Schwächen meiner Argumentation aufgezeigt hätte) – dies würde ihn aber nicht auf irgendeine alternative Ontologie verpflichten.
In diesem kurzen Posting kommen Formulierungen vor, die mir im Gespräch mit akademischen Philosophen oder auch beim Lesen ihrer Aufsätze immer wieder begegnen und die ich in Anlehnung an Adornos berühmt-berüchtigte Schrift als „Jargon der Analytischen Philosophie“ bezeichnen möchte. Er ist mit dem Siegeszug der Analytischen Philosophie in den Universitäten und Instituten entstanden und hat heute, da man gern auf die Unterscheidung von Analytischer und Kontinentaler Philosophie verzichten möchte, weite Teile der philosophischen Ausbildung, Lehre und Forschung erfasst.
Da ist zum einen die Einordnung einer Argumentation in einen -Ismus, hier den „starken Konstruktivismus“. Die Plage der Ismen gibt es in der Philosophie schon lange, man denke nur an den „Deutschen Idealismus“ – seit der Ausbreitung der Analytischen Philosophie hat sich der Gebrauch dieser Zuordnungen aber gewandelt. Man benutzt sie nicht mehr als historische Einordnung oder Kennzeichnung von Verwandtschaftsbeziehungen zwischen verschiedenen Denkern, sondern als klar definierte Kategorien, um Theorien oder Argumentationen einzuordnen. Was zum „starken Konstruktivismus“ dazu gehört, das kann man irgendwo in Lehrbüchern nachlesen, und die Übung besteht dann darin, ein Buch, einen Aufsatz, einen Philosophen in so eine Schublade zu stecken. Das Problem ist, dass dann nicht mehr über die Plausibilität der Argumentation, ihre Schwächen, ihre Erklärungskraft, diskutiert wird, sondern darüber, ob die Zuordnung zum Etikett, das auf der Schublade steht, korrekt ist, oder sogar, ob ich denn im Sinne dieses Etiketts korrekt argumentiere. Der Disput geht nicht mehr um die Sache, sondern um die Beschriftung der Argumentation. Im vorliegenden Fall hätte ich mich plötzlich mit der Frage beschäftigen müssen, ob ich denn wohl ein „starker Konstruktivist“ sei, welche Kriterien dafür erfüllt sein müssten und wie ich zu argumentieren hätte, um diesen Titel zu verdienen. Es ginge nicht mehr um die Existenzweise von bestimmtem Seienden und wie sie zu verstehen sei, sondern um Begründungsweisen und ihre Implikationen.
Nun argumentiere ich aber schlicht für ein bestimmtes Verständnis von Existenzweisen von Normen, die zu Aussagen wie „Dies ist eine gut begründete These“ führen. Dass da jemand ein Label draufkleben kann, ist mir eigentlich gleichgültig, interessant ist die Frage, ob mein philosophisches Verständnis plausibel, einleuchtend, erklärungsstark oder fehlerhaft und inkonsistent ist. Es ist mein Konzept, das ich natürlich aus dem Studium anderer Denker aber auch aus dem Nachdenken darüber, wie die soziale Welt existiert, gewonnen habe. Ich verteidige es nicht im Namen eines Ismus, sondern weil es mir hilft, die Welt zu verstehen.
Noch bedenklicher am Jargon der Analytischen Philosophie scheint mir deshalb der zweite Teil des Postings zu sein. Mein Diskussionspartner sagt, er sei, indem er meinen Standpunkt zurückweise, nicht auf einen anderen der vielen möglichen Standpunkte verpflichtet. Das mag ja formal richtig sein. Aber für unsere Diskussion wäre es eben wichtig gewesen, plausible Argumente zur Existenzweise dieser möglichen Tatsache, die da in einem Satz formuliert war, anzugeben. Wer sagt, normative Aussagen zu wissenschaftlichen Thesen existierten genauso wie physikalische Tatsachen, der sollte das doch begründen können oder wenigstens bereit sein, seine Argumente in dieser Sache vorzutragen (oder, da wir bei einem Kurznachrichten-Medium sind, wenigstens zu sagen, wo sich seine Argumentation nachlesen lässt).
In der akademischen Philosophie scheint mir aber eine Diskussionsform verbreitet, in der die Teilnehmenden gar nicht ihre eigenen Überzeugungen begründen. Natürlich gibt es bedeutende Denker der Analytischen Tradition, die eigene Konzepte entwickelt und begründet haben. Der akademische Alltag sieht heute aber anders aus. Man nimmt Ismen, etwa den „naiven Realismus“, den „Strukturenrealismus“ oder eben den „starken Konstruktivismus“ und lässt sie wie Schachfiguren gegeneinander antreten. Wenn man diesen Ismus vertritt, dann sei man auf jenes Argument „verpflichtet“ aber nicht auf jenes andere.
Man könnte meinen, dieser Trend in der akademischen Philosophie sei dem Versuch geschuldet, die Philosophie als ganz normale positive Wissenschaft zu betreiben. Wenn das so wäre, ist das Projekt jedoch schon im Ansatz zum Scheitern verurteilt. Auch in den positiven Wissenschaften versucht man bekanntlich, eine gesicherte Überzeugung davon zu gewinnen, wie sich die Dinge tatsächlich verhalten. Man stelle sich zwei Physikerinnen vor, von denen die eine für die relativistische Mechanik und die andere dagegen argumentiert. Würde letztere auf die Frage, welche Theorie sie denn dagegen setzte, antworten, das sei doch gleichgültig, ihre Ablehnung der Relativitätstheorie würde sie doch auf keine anderen Theorie verpflichten? Das klingt absurd.
Von vielen akademischen Philosophen erhält man heute auf die Frage, was sie denn nun selbst meinten und warum, wie sie sich selbst die Ontologie der sozialen Welt, der physischen Wirklichkeit oder überhaupt der Realität denken, nur ausweichende Antworten. Man hat das Gefühl, es sei ihnen egal. Und das macht dann die Diskussion so unfruchtbar und ermüdend. Natürlich sollte jeder, der ernsthaft philosophiert, bereit sein, auf gute Argumente gegen seinen Standpunkt selbstkritisch zu reagieren, so, wie man auch von der Physikerin zurecht erwartet, dass sie ihren Standpunkt überdenkt, wenn empirische oder systematische Argumente gegen ihn sprechen. Aber in den Wissenschaften wie in der Philosophie geht es um Einsichten in die Welt, und von denen sollten die, die nach ihnen suchen, auch überzeugt sein, wenn gute Gründe dafür sprechen. Und wenn sie noch auf dem Weg sind, sollten sie in Diskussionen bereit sein, ihre aktuellen Vermutungen einschließlich der Gründe und der Zweifel, die sie plagen, zu formulieren.
Philosophieren, so denke ich, ist ein wirkliches, ganz persönliches, den Geist ganz erfassendes Ringen mit der Frage, wie man die Welt im Ganzen und in ihren Sphären verstehen kann, ein Ringen, das zu einem Verständnis führt, das immer wieder erschüttert und stabilisiert werden kann. Es ist kein Sandkastenspiel und kein Schachspiel, es ergreift das persönliche Denken existenziell, es erschüttert und wenn man Glück hat, erfreut es, wenn man zu einer Einsicht gekommen ist, die Bestand hat. Denen, die diesen Jargon der Analytischen Philosophie einüben, scheint dieses Ringen fremd zu sein. Der Austausch mit ihnen ist deshalb oft frustrierend, weil man am Ende merkt, dass sie nur ein Spiel spielen wollen.
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