Lässt sich die Begrifflichkeit der Gegenwartsphilosophie fruchtbar für die Auseinandersetzung mit Themen der antiken Philosophie nutzbar machen und umgekehrt?
Beitrag zum Essaypreis-Wettbewerb der Gesellschaft für Antike Philosophie 2024.
Die Preisfrage des Essaypreises der Gesellschaft für antike Philosophie wird von Philosophierenden an Philosophierende gestellt. Sie zielt auf einen philosophischen Gegenstand, sie verweist auf ein spezifisches philosophisches Thema. Indem sie nach den Möglichkeiten der Methoden eines Philosophierens fragt, ist sie selbst eine philosophische Frage, nicht nur, weil sie von einer philosophischen Gesellschaft kommt und Philosophierende zum Antworten aufruft, sondern, weil bekanntlich das kritische Befragen der eigenen Methoden in der Philosophie wie in keiner anderen Disziplin zum Selbstverständnis und notwendig zur Praxis gehört.
Somit liegt es nahe, die Frage auf sich selbst zu beziehen und zu erproben, ob sie sich beantworten lässt, indem das versucht wird, wonach sie fragt. Da sie offenbar eine Frage der Gegenwartsphilosophie, jedenfalls der gegenwärtigen Philosophie ist, ist zunächst zu erproben, was in dem „umgekehrt“ steckt, ob sich nämlich zu ihrer Beantwortung Begrifflichkeiten der antiken Philosophie fruchtbar und nutzbar machen lassen. Dann stellt sich allerdings die Frage, was denn die Begrifflichkeiten und Themen der antiken Philosophie waren, wir kommen also direkt zu der Frage, die in die entgegengesetzte Richtung fragt, nämlich, wie wir denn unsere heutigen Methoden des Philosophierens für die Frage nach den Begrifflichkeiten der antiken Philosophie nutzen könnten.
Allerdings tun sich sogleich eine Reihe von Schwierigkeiten auf. Geklärt werden muss nicht nur vorab, was denn die Begrifflichkeiten der antiken Philosophie waren, sondern was im Rahmen der antiken Philosophie überhaupt Begrifflichkeiten waren, ob sie Begriffe so, wie wir heute Philosophierenden es tun, verwendet haben, ob sie überhaupt Begrifflichkeiten kannten. Das Gleiche gilt für die Themen: Hatte die antike Philosophie Themen im Sinne der heutigen Philosophie? Was ist, für uns heutige und für unsere antiken philosophischen Vorläufer, ein Thema? Zudem wäre auch zu fragen, ob das Philosophieren in der Antike ein Philosophieren im heutigen Sinne war – und natürlich auch umgekehrt, ob die antiken Denker das, was heute unter dem Titel Philosophie gelehrt und betrieben wird, als Philosophie gegolten hätte. Erst auf der Basis dieser Klärung könnte der Versuch gelingen, die Frage sich selbst zum Gegenstand zu nehmen. Im begrenzten Rahmen dieses Essays kann allerdings vieles davon nur angedeutet werden.
Offensichtlich ist aber die Arbeit an diesen Fragen schon ein Teil der Antwort, wahrscheinlich der größte. Indem danach gefragt wird, ob und in welchem Sinne die antike Philosophie Themen und Begrifflichkeiten hatte, betreibt man philosophische Begriffsgeschichte und mithin – in unserem heutigen Sinne – Philosophie. Man nähert sich zugleich diesen antiken Themen und Begriffen, so sie denn gefunden werden, und zeigt damit, dass sich die begriffsgeschichtlichen Konzepte der Gegenwart für ihr Verständnis fruchtbar machen lassen.
Das Thema
Es ist naheliegend, mit der Frage nach dem Thema zu beginnen, denn es handelt sich um ein altes griechisches Wort. Bevor ich mich mit seiner Herkunft befasse – ich könnte schreiben, bevor seine Herkunft zum Thema wird – möchte ich kurz seiner heutigen Verwendungsweise nachgehen. In der Frage, die hier beantwortet werden soll, ist es ganz selbstverständlich genannt, es scheint völlig klar, was es bedeutet. Wir sprechen beim philosophischen Austausch vom Thema eines Aufsatzes, eines Vortrages oder Buchs. Das Thema, so könnte man vermuten, wird zumeist im Titel genannt. Das Thema ist das, worum es geht, worüber gesprochen und geschrieben wird.
Allerdings würden wir vermutlich, wenn die Bedeutung des Worts damit hinreichend bestimmt wäre, Thema synonym mit Gegenstand benutzen. Tatsächlich können wir ja auch vom Gegenstand eines Buchs sprechen und würden damit wohl das gleiche wie mit Thema meinen. Aber man spürt einen gewissen Unterschied der Bedeutung, ob man von den Themen der Philosophie, nach denen hier gefragt wird, oder von ihren Gegenständen spricht. Beim genauen Hinhören bemerken wir, dass jedenfalls für uns heutige ein Thema etwas anderes ist als ein Gegenstand, wir bemerken es auch daran, dass etwas thematisch werden kann, dass es zum Thema werden kann, und das ist etwas anderes, als wenn es zum Gegenstand wird.
Schaut man in die Lexika der letzten 200 Jahre, bemerkt man, dass Thema ein sehr schillerndes, vielfältiges Wort ist – das ist natürlich auch bekannt, wir sprechen von einem Thema in einem Kunstwerk, insbesondere in Musikstücken, und meinen damit jedenfalls auf den ersten Blick etwas anderes, als wenn wir vom Thema eines philosophischen Aufsatzes sprechen. Die vorletzte gedruckte Auflage der Brockhaus Enzyklopädie widmet dem Wort eine Spalte und verzeichnet fünf verschiedene Bedeutungen. Zuerst benennt er diejenige, die wir oben schon bei der intuitiven Bestimmung der Wortbedeutung gesehen haben: „zu behandelnder Gegenstand“, ergänzt allerdings um „Hauptinhalt, Leitgedanke, Gesprächsstoff“.[1] Für unsere Überlegungen hier ist auch die Verwendung in der Literaturwissenschaft bedenkenswert, können doch philosophische Aufsätze und Monographien durchaus als literarische Texte angesehen und untersucht werden. Das Lexikon erweitert hier die Bedeutung von Thema auf den „die Gestaltung und den Ablauf der Handlung durchdringende[n] Grundgedanke[n]“.[2] Bemerkenswert ist, dass das Lexikon die Verwandtschaft zum Motiv anmerkt, über dessen Bedeutung das Thema aber hinausginge, da es „auf den ideellen Zusammenhang der Einzelelemente“ verweise. Am Rande sei auf die bekannten Bedeutungen von Thema und Motiv in der Musik hingewiesen, denen sich das Lexikon ebenfalls widmet und die für unsere Betrachtungen der Bedeutung von Thema in der Philosophie durchaus bedenkenswert sind, hier aber beiseitegelassen werden müssen.
Sprechen wir in diesem Sinne von Themen der Philosophie – und nicht vom Thema eines einzelnen philosophischen Aufsatzes, der sein Thema, seinen Gegenstand, im Titel nennt, oder sprechen wir von einem Thema, das eine bestimmte Philosophin durch ihr ganzes Werk hindurch beschäftigt hat, dann können wir die Bedeutung des Wortes am ehesten mit dem fassen, was das Lexikon mit Bezug auf die Literaturwissenschaft nennt, als Leitgedanken oder Grundgedanken. Das Thema wäre dem jeweiligen Gegenstand einer einzelnen Abhandlung dann vorausgesetzt, die Betrachtung des Gegenstandes wird thematisch[3], das bedeutet, er wird aus der Sicht des Themas, das die Philosophin beschäftigt, erst zum Gegenstand. Das Thema formt oder macht den Gegenstand. Ob die das antike Denken bereits Gegenstände kannte, muss hier aus Platzgründen ausgespart werden, obwohl diese Frage für die Beantwortung der Preisfrage nicht unwichtig ist. [4]
In der Antike begegnet uns das Wort θέμα bereits am Anfang eines der ersten überhaupt überlieferten Texte, wenn auch etwas versteckt im zweiten Vers der Ilias von Homer in dem Wort ἔθηκε, das der Indikativ Aorist Aktiv der 3. Person Plural von τίθημι ist, das „ich setze, setze voraus; lege; stelle auf, stelle hin, lege fest, ordne an; bereite, verursache“[5] bedeutet[6] und mit dem Wort θέμα, „das Ergebnis des Setzens/Aufstellens: das Gesetzte, das Auf-/Gestellte, das Festgestellte, -gelegte“[7], verwandt ist. Im Handwörterbuch der griechischen Sprache von Wilhelm Pape findet man unter dem Stichwort „der Satz, insbes. solche, über die in den Rhetorenschulen Deklamationen gehalten wurden“[8]. Ein Thema ist in diesem Sinne das, was wir heute eine These, nennen, über die eine philosophische Argumentation nachdenken, die sie weiterentwickeln, stützen oder auch bestreiten kann. Es ist schon da, es steckt als oft unerkannte Voraus-Setzung schon in jedem formulierten Gedanken, es muss aber freigelegt und deutlich sichtbar gemacht werden. Einem Thema steht die Philosophin nicht gegenüber wie einem Gegenstand, sie steht schon in einem Verhältnis zu ihm, ist mit ihm verbunden, es ist schon ihr Thema, wenn sie zu philosophieren beginnt, und das ganze Philosophieren ist eine Entwicklung dieses Verhältnisses. Ein Thema hat man, wenn man zu philosophieren beginnt, aber zugleich ist Philosophieren das Finden und Darstellen dieses Themas, sein Sichtbarmachen.
Als Teilantwort auf die gestellte Frage möchte ich festhalten, dass das bisher Gesagte eine Antwort darüber aufscheinen lässt, was Philosophieren ist: das Auffinden eines Themas, das man schon hat, das Sichtbarwerden solcher Themen. Gefunden wurde diese Einsicht durch die Frage nach der Herkunft des Wortes θεμα, somit, ohne dass es detailliert ausgeführt werden konnte, durch eine Befassung mit dem antiken Denken.
Philosophieren
Nun muss man fragen, ob die Philosophie der Antike bereits Themen in diesem Sinne hatte, ob es die gleichen waren wie die, die heutige Philosophierende haben. Das ist offenbar der Fall: Das Sein des Seienden, der Status der Einsicht in das Seiende, das gute Leben. Es kommt hier nicht darauf an, ob und wie oft in den erhaltenen Schriften das Wort θέμα auftaucht, aber es ist offensichtlich, dass es diese Themen waren, die an unterschiedlichen Gegenständen immer aufs Neue variiert, entwickelt, sichtbar gemacht wurden. Es sind die Themen des Philosophierens, soweit wir seine Spuren zurückverfolgen können.
Philosophieren ist das Fragen nach den Themen, nach dem, was in einer menschlichen Betätigung voraus-gesetzt wird und was, oft unerkannt und unbemerkt, diese Betätigung formt und treibt. Philosophieren ist nicht nur das Fragen nach dem unmittelbaren Thema eines Tuns, sondern das Aufsuchen und Sichtbarmachen der ursprünglichen, ersten oder letzten Themen. Die Tatsache, dass das Philosophieren dabei seit Jahrtausenden auf die gleichen Themen stößt und die gleichen Themen sichtbar zu machen sucht, ist womöglich ein Hinweis darauf, dass diese tatsächlich die grundlegenden Setzungen sind, genauer, dass ihre Untersuchung diese sichtbar machen. Es könnte allerdings auch sein, dass dies eine Täuschung ist, denn offenbar befinden wir heutigen Philosophierenden uns in einer kontinuierlichen Tradition der Befassung mit den Themen, die unsere antiken Vorfahren in Griechenland gefunden haben. Es könnte sein, dass diese Tradierung es uns verbaut, andere Themen, die uns durch die Überzeichnung der vertrauten Themen unsichtbar geworden sind, zu erkennen. Nur ein Aufsuchen anderer Quellen des Philosophierens als derer, die wir immer schon selbstverständlich als die wichtigsten und selbstverständlichen ansehen, könnte darüber Aufschluss geben. Die Voraus-Setzung unserer Philosophiegeschichte, die auch in der Preisfrage selbst durchscheint, müsste selbst zum Thema werden.[9]
Hier möchte ich aber in dem Rahmen verbleiben, den die Preisfrage absteckt. Die Frage selbst verweist darauf, dass das Philosophieren das Auffinden, Sichtbarmachen, Entwickeln und Durchdenken der Themen ist, die den naheliegenden, offensichtlichen Themen – gedacht als das im menschlichen Tun Gesetzte – des Handelns und Denkens der Menschen wiederum als Gesetztes vorausgehen. Die Themen, zu denen die abendländische Philosophie dabei immer wieder vorstößt und bei denen sie verweilt, sind das Sein des Seienden überhaupt, die Weisen und Sicherheiten der Einsicht in das Seiende, sowie das gute, sinnvolle, erfüllte, gerechtfertigte Leben der Menschen. Schaut man in die antiken Texte, die uns überliefert sind, dann finden wir das Durchdenken dieser Themen auf Schritt und Tritt und unmittelbar. Wie sieht es aus, wenn man die Aufsätze, Monographien, Dissertationen, Masterarbeiten, Interviews und andere öffentliche Äußerungen betrachtet, die als philosophische angesehen werden, weil sie im Rahmen der akademischen Arbeit an philosophischen Seminaren und Instituten verfasst werden oder von Personen in ihrer öffentlichen Wahrnehmung als professionell Philosophierende geäußert werden? Wie steht es also, was die Themen betrifft, um das, was heute als Philosophie angesehen wird? Die Gegenstände, um die es da geht, sind vielfältig: Künstliche Intelligenz, Klimawandel, Kriege, Pandemien, Demokratie. Aber sind das Fragen und Denken, auf das man da trifft, im obigen Sinne philosophische? Tatsächlich findet man das so gefasste philosophische Denken auch in solchen Arbeiten, wenn auch nicht immer. Der Deutsche Ethikrat etwa hat in seiner Stellungnahme zur Pandemieaufarbeitung[10] die Vulnerabilität des Menschen als anthropologisches Grunddatum, seine Fähigkeit zur Resilienz sowie die Frage nach dem Gemeinwohl durchdacht. Bedenkt man, dass es sich um ein Dokument der Politikberatung handelt, kann man es als Beleg dafür nehmen, dass philosophisches Denken im obigen Sinne auch in dem, was heute als Philosophie gilt, stark ist, und zwar darin, dass Begriffe auf ihre Fundierung und ihre Eignung für die Kennzeichnung des menschlichen Lebens als gutes Leben hin durchdacht werden und zugleich darauf, wie sie helfen, das Sein des Seienden und unsere Einsicht in das Seiende mit Bezug auf dieses gute Leben zu durchdenken.
Begrifflichkeiten
Damit komme ich zu einem weiteren Element der gestellten Preisfrage. Sie fragt nicht allgemein nach der Nützlichkeit und Fruchtbarkeit des antiken für das gegenwärtige Philosophieren, sondern danach, ob die Begrifflichkeiten wechselseitig fruchtbar und nutzbar gemacht werden können. Damit stellt sich die Frage nach dem Begriff, nach dem begrifflichen Denken in der Philosophie. Mehr noch: die Frage nach spezifischen Begrifflichkeiten ist zu durchdenken. Mehrere Fragen werden sichtbar: Hatte die antike Philosophie Begriffe im Sinne der heutigen Philosophie? Spielten sie im philosophischen Denken eine ähnliche Rolle? Schließlich aber, was ist unter Begrifflichkeiten einer – antiken oder gegenwärtigen – Philosophie zu verstehen?
Was ein Begriff ist und welche Funktion er beim Sprechen und Denken, beim Philosophieren hat, das ist schon eine philosophische Frage, man könnte sagen, es ist ein philosophisches Thema. Das erste Wort der antiken Philosophie, welches der Bedeutung von Begriff, wie wir sie heute kennen, nahekommt, ist ἰδέα.[11] Wir übersetzen heute mit Idee und sagen, dass Platon damit die Vorstellung von etwas meinte, die von mehreren geteilt werden konnte und die in den empirischen Dingen, Erfahrungen, Erlebnissen nur unvollkommen vorhanden sein konnten. Man kann eine Idee von etwas haben, etwa von der Liebe, der Freiheit oder auch von einem Stein oder einem Baum, und man sie nutzen um über das Reale sprechen und weiß doch, dass die Realität nie ganz so ist wie die Ideen. Der Wörterbucheintrag zum Begriff Begriff nennt zudem ὅρος und ὅρισμός – also die Grenze und die Begrenzung – sowie καθόλον, also das auf das Gemeinsame, Allgemeine bezogene.[12] Dass wir all diese Wörter heute nutzen können, um zu verstehen, was Begriff bedeutet, zeigt, dass wir in der Tat mit Begriffen der antiken Philosophie die Fragen, die sich dem Philosophieren heute stellen, angehen können. Allerdings zeigt sich auch eine merkwürdige Dialektik dieses Vorgehens: indem wir zugleich all die Wörter, die etwa Platon und Aristoteles auf bestimmte Weise verwendet haben, in den Bedeutungsraum von Begriff hineinholen, behaupten wir, die antiken Denker hätten damit so etwas wie Begriff gemeint – und fassen gleichzeitig unser Verständnis von Begriff genauer. Wir bewegen uns gewissermaßen in einen Bedeutungsraum hinein und versuchen, darin den Begriff Begriff zu bestimmen – indem wir probeweise all die griechischen Wörter als Spielarten von Begriff interpretieren, jedenfalls in den Kontexten, in denen uns diese Verwendungsweise sinnvoll erscheint. Damit deuten wir die antiken Texte auf das hin, was wir suchen – den Begriff.
Aber ist damit auch die umgekehrte Richtung, nach der die Preisfrage fragt, zu beantworten? Das hängt davon ab, ob wir uns von unserer Vorgehensweise, all die griechischen Wörter auf unseren Begriff hinauslaufen zu lassen, nicht täuschen lassen. Wir müssen den Weg zurückverfolgen, genauer, all die Wege, die von verschiedenen Stellen zum Begriff hingeführt haben. Zurück zu ἰδέα, zu ὅρος und καθόλον – nicht, um sie im Begriff zusammenzudenken, sondern um sie in ihrer Verschiedenheit aufzuspüren. Das kann hier nicht ausgeführt, sondern nur angedeutet werden.
Aber vielleicht ist die Frage noch gar nicht genau verstanden, denn sie fragt nicht nach der Nutzbarkeit und Fruchtbarkeit von Begriffen, sondern von Begrifflichkeiten. Zu den Begrifflichkeiten eines Philosophierens gehört etwas anderes als nur die Menge der Begriffe, die in den Themen der Philosophie auftauchen, die sie ausmachen und deren Bedeutungsbestimmung zum Thema in den verschiedenen Zweigen der Philosophie wird.
Was sind Begrifflichkeiten? Diese Frage lässt sich weder mit den Mitteln der antiken noch denen der gegenwärtigen Philosophie beantworten. Schaut man sich Beispiele für die Verwendung des Worts an, könnte man meinen, es sei nicht viel mehr als ein wohlklingendes anderes Wort für den Plural von Begriff. Aber so, wie die Freundlichkeit nicht synonym mit einer Menge verschiedener Freunde ist, wie die Kindlichkeit nicht einfach eine Vielzahl von Kindern ist, so ist auch die Begrifflichkeit etwas anderes als eine Sammlung von Begriffen. Es ist das, was Wörter ganz selbstverständlich und schon vor der klaren begrifflichen Festlegung zu Begriffen macht, das, was wiederum in allen Begriffen, wenn man sie als Begriff versteht, als typisches, notwendiges, sinn-stiftendes erkennbar ist.
Fazit
Nach den Begrifflichkeiten zu fragen, nach den Bedingungen der Möglichkeit von Begrifflichkeiten und danach, inwiefern ein Zeitalter womöglich auch dadurch bestimmt ist, Begrifflichkeiten zu haben, die Welt nicht nur in Begriffen, sondern in Begrifflichkeiten zu fassen, das ist zweifellos ein philosophisches Thema der Gegenwart. Um dieses Thema zu fassen, zu entwickeln und zur Sprache zu bringen, können wir nach der Herkunft unserer Begriffe fragen, danach, aus welchen Spuren und Quellen etwa der Begriff entstanden ist. Das leitet uns zu der Frage, ob die antike Philosophie bereits Begriffe hatte, mehr noch, ob sie eine oder verschiedene Begrifflichkeiten überhaupt schon kannte. Das wiederum würde uns zurückwerfen auf die heutige Frage, ob Philosophieren auf Begrifflichkeit zwingend angewiesen ist. Ein Denken ohne Begrifflichkeiten und ohne Begriffe, die ὅρος, eine Abgrenzung, Bestimmung oder Definition[13] oder ἰδέα als „reine, abstrakte“[14] Bestimmung brauchen könnte sich ebenfalls als philosophisches erweisen. Aus der Frage nach der Existenz von Begrifflichkeit in der antiken Philosophie entsteht die Frage nach der Fundierung der Weisen heutigen Philosophierens.
Ich habe versucht, die Frage nach der wechselseitigen Nutzbarkeit und Fruchtbarkeit der Begrifflichkeiten für die Auseinandersetzung mit den Themen der antiken und der gegenwärtigen Philosophie zu beantworten, indem ich die Frage selbst zu einem philosophischen Thema gemacht habe, das ich mit den Begriffen, die die Frage selbst bereitstellt, und mit ihrer Herkunft aus dem antiken Denken zu durchdenken versucht habe. Es zeigt sich, dass sich die Frage zugleich bejahen lässt, wie sie selbst fragwürdig wird, weil sie mit der Unterstellung von Themen als Gesetztem und zu durchdenkendem und von Begrifflichkeiten als Grundbestandteil des Philosophierens Voraussetzungen macht, die nicht selbstverständlich sein müssen. So zeigt sich ein philosophisches Thema, das entwickelt werden kann, wenn die Elemente ἰδέα, ὅρος, καθόλον, Begriff und Thema miteinander in Beziehung treten. Die Frage bleibt als Thema offen.
[1] Brockhaus. Die Enzyklopädie. Zweiundzwanzigster Band THEM-VALK. 20. Auflage, Leipzig/Mannheim 1999.
[2] Ebenda.
[3] Siehe dazu auch Edmund Husserl: Zur Phänomenologischen Reduktion: Texte aus dem Nachlass (1926–1935). Husserliana, Band 34) Dordrecht/Boston/London 2002. Seite 28.
[4] „Aber weder das mittelalterliche noch das griechische Denken stellen das Anwesende als Gegenstand vor.“ Martin Heidegger: Wissenschaft und Besinnung. In Gesamtausgabe Band 7. Frankfurt am Main 2000. Seite 45.
[5] Wilfried Apfalter: Griechische Terminologie. Freiburg/München 2019. Seite 93.
[6] Passow widmet dem Wort fast sechs Seiten. Franz Passow: Handwörterbuch der griechischen Sprache. Band 2, Abteilung 2. Leipzig 1857. Seiten 1890-1896.
[7] Ebenda, Seite 94.
[8] Wilhelm Pape: Handwörterbuch der griechischen Sprache. , Band 1. Braunschweig 1842.Seite 1008.
[9] Siehe dazu etwa Anke Graneß: Philosophie in Afrika. Herausforderungen einer globalen Philosophiegeschichte. Berlin 2023.
[10] Deutscher Ethikrat: Vulnerabilität und Resilienz in der Krise. Berlin 2022. Online verfügbar unter https://www.ethikrat.org/publikationen/stellungnahmen/vulnerabilitaet-und-resilienz-in-der-krise/ Abgerufen am 09.11.2024.
[11] Haller, R.: Begriff. In Historisches Wörterbuch der Philosophie. Band 1. Basel / Stuttgart 1971. Spalte 780.
[12] Ebenda, Spalte 781.
[13] Passow. Zweiter Band, zweite Abteilung. A.a.O. Seite 1895.
[14] Passow. Erster Band, zweite Abteilung. A.a.O. Seite 1456.
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