Wissenschaften in der Pandemie

In seinem Aufsatz „Die Wahrheit ist nicht relativ“ äußert der Physiker Ralf Bönt die Vermutung, dass uns gegenwärtig eine Phase der gesellschaftlichen Entwicklung und Umbrüche bevorstehen könnte, wie die Welt sie vor rund 100 Jahren am Ende der Spanischen Grippe, zu einer Zeit des stürmischen Fortschritts der Physik, erlebt hat. Er vergisst, zu bedenken, dass die Physiker jener Zeit die von ihnen initiierten Umbrüche mit einer gründlichen philosophischen Reflexion ihres eigenen Tuns und im intensiven Austausch mit den Philosophen ihrer Zeit verbunden haben. Vielmehr meint Bönt, der Nachfahr dieser revolutionären Wissenschaftler, auf Philosophie ganz verzichten zu können. Das sei ihm unbenommen. Allerdings fällt auf, dass Bönt im Denken über das Tun und den Gegenstand seiner eigenen Disziplin weit hinter die Einsichten seiner Kollegen, die einst die Quantentheorie entwickelt haben, zurückfällt. Gerade mit Blick auf Bönts eigentliches Anliegen, die Rolle der Naturwissenschaften bei der Bewältigung gegenwärtiger Herausforderungen wie der Pandemie, aber auch des Klimawandels, darf das nicht kritiklos hingenommen werden.

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Warum das bundesweite Regelwerk schadet

In Deutschland herrscht weitestgehend Konsens darüber, dass Politik sich wissenschaftliche Expertise einholen sollte, bevor politisch entschieden und gehandelt wird. Was das genau heißen soll, ist jedoch unklar. Allerdings scheint ein großer Teil der Bevölkerung der Meinung zu sein, dass die Politik dem Rat der Wissenschaft zwingend folgen sollte, sobald dieser Rat eindeutig und unter den Wissenschaftlern weitgehend unstrittig ist.

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Brutus Liefers

„Brutus, auch du!“, rief der Überlieferung nach der große Kaiser Cäsar, kurz bevor er tot zu Boden sank. Kurz zuvor hatte eine Gruppe von Senatoren ihm die Dolche in den Leib gerammt – und unter ihnen eben auch jener Brutus, manche sagen, sein Freund, manche sagen gar, es sei sein Sohn gewesen, jedenfalls ein enger Vertrauter. Seitdem ist der Ausruf des römischen Kaisers zum Sinnspruch der Enttäuschung über einen Menschen geworden, dem man vertraut hatte, von dem man gemeint hatte, Werte und Ziele zu teilen und der nun plötzlich etwas getan hat, was man als „Stich ins Herz“ empfindet. Nun hatte Cäsar nicht mehr genug Zeit, um über die Frage zu reflektieren, ob der Fehler vielleicht bei ihm selbst gelegen haben könnte, ob er selbst womöglich in den letzten Monaten etwas getan haben könnte, was den wohl Vertrauten gegen sich aufgebracht hat. Bekanntlich verschied er wenige Sekunden, nachdem er den Satz gesprochen hatte, der ihn bis heute überdauert, und man muss auch zugeben, dass der Moment, in dem man von Messerstichen übersät zu Boden sinkt, nicht eben der Zeitpunkt ist, an dem man zu selbstkritischer Reflexion neigt.

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Drosten und die Leugner

Der vielfach preisgekrönte Podcast „Das Coronavirus-Update Podcast von NDR Info“ hat nach eigenen Angaben das Ziel, „verlässlich über neue Erkenntnisse der Forschung zu informieren“. Wöchentlich sprechen der Berliner Virologe Christian Drosten oder seine Frankfurter Kollegin Sandra Ciesek dort etwa eine Stunde lang über die neuesten Entwicklungen in der Pandemie, aus der Sicht ihrer Disziplin. Inzwischen gibt es 83 Folgen, die millionenfach abgerufen, in sozialen Netzwerken geteilt, als Informationsquelle für die journalistische Berichterstattung genutzt und im ganzen Land breit diskutiert werden.

In der Folge vom 30. März 2021 hat sich der Professor für Virologie der Berliner Charité ausführlich einem Thema gewidmet, das nicht ganz in sein Fachgebiet fällt – nämlich den „Grundmotiven der Wissenschaftsleugnung, die sich immer mehr durchsetzen in unserer Gesellschaft“, so Drosten. „Wir alle“, sagt er, ohne genau zu sagen, wer dieses „wir“ sei, „wundern uns darüber, wie die Politik agiert oder nicht agiert.“ Das heißt in seinem Fall, dass er sich darüber wundert, warum die Politik nicht das tut, was er selbst für geboten hält. Was ist seine Erklärung?

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Wir haben uns bemüht

Ein Gedicht ist mehr als ein Text, der durch viele Zeilenumbrüche in zusätzliche Sinneinheiten von Versen und Strophen unterteilt ist. Es ist ein filigranes Sprachgebäude, das durch Rhythmus und Reime seinen inneren Halt bekommt und zugleich lebendig wird, wenn es den Rhythmus wechselt, Reime nur anklingen und Alliterationen überraschende Verbindungen herstellen. […] Bedenkt man dies, so muss man leider schon nach wenigen Zeilen der deutschsprachigen Version Den Hügel hinauf des Gedichts The Hill We Climb von Amanda Gorman feststellen, dass die Übertragung des Übersetzerinnenteams des Verlags Hoffmann und Campe gescheitert ist.
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Die Nachhaltigkeit der Wissenschaft – Jörg Phil Friedrich im Gespräch mit Hans von Storch

Sie haben die These vertreten, dass die Kommunikation der Wissenschaft in der Pandemie eigentlich besser gelungen ist als in der Klimaforschung. Was könnte diese von der Virologie lernen?

Wenn Wissenschaftler in der Öffentlichkeit auftreten, muss der Grundsatz sein, dass sie nicht Wahrheit, sondern die beste Erklärung im Rahmen des derzeitigen Wissens anbieten. Das ist der Epidemiologie nach meiner Wahrnehmung wesentlich besser gelungen als der Klimawissenschaft, weil wir in der Klimawissenschaft eben doch eine ganze Menge aktivistische Kollegen haben, die vor allem daran interessiert sind, dass eine motivationsstarke Deutung der Situation entsteht, auf der dann möglichst ungehindert eine entsprechende Politik aufbaut. In der Epidemiologie, so ist in meine Wahrnehmung, wurde nicht damit hinter dem Berg gehalten, dass verschiedene Wissenschaftler verschiedene Meinungen haben.

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Die Wellen-Wahrsagerin

Die Physikerin Viola Priesemann gehört neben ihrem Fachkollegen Michael Meyer-Hermann zu den Wissenschaftlern, die als Modellierer der Pandemie in den letzten Monaten bekannt und zu begehrten Interviewpartnern der Medien geworden sind. Es ist der Eindruck entstanden, dass sie den weiteren Verlauf des Infektionsgeschehens mit ihren Modellen vorausberechnen könnten, ungefähr so wie die Meteorologen das Wetter der nächsten Tage vorhersagen können – auch die nutzen dazu bekanntlich mathematische Modelle.

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Der Rassismus, eine Erfindung der Aufklärung

Es gibt im modernen Fernsehen diese Serien, in denen in jeder Folge immer wieder die gleiche Geschichte erzählt wird – aber aus unterschiedlichen Perspektiven. Das Publikum lernt Abend für Abend einen neuen Aspekt, ein paar neue Details, eine neue Sicht auf das Geschehen kennen. Oft sind die neuen Einsichten überraschend, die Sache wird von Teil zu Teil keineswegs langweiliger, sondern eher immer spannender, und erst am Ende hat man ein klares Bild von der ganzen Geschichte, vielfältig, aber gerade durch die Vielschichtigkeit verständlich.

So ähnlich geht es dem interessierten Zuschauer, der die insgesamt sechsteilige Online-Veranstaltungsserie „Kant – ein Rassist?“ verfolgt. Jeder der sechs Teile beginnt mit einem Impulsvortrag von knapp einer halben Stunde, in dem eine Philosophin, ein Historiker oder eine Politikwissenschaftlerin ihre Sicht auf die Frage nach dem Rassismus bei Immanuel Kant darstellt, gefolgt von zwei vorbereiteten Repliken und einer Diskussionsrunde.

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