Lokalzeitung und Singebewegung

Bis zu meinem 24. Lebensjahr war ich davon überzeugt, dass der Sozialismus für die Menschen besser ist als der Kapitalismus, und dass ich in einem Land lebe, das auf dem Weg ist, den Sozialismus tatsächlich Realität werden zu lassen. Zugleich war ich schon als Jugendlicher der Meinung, dass es viele Schwächen gab, dass viele Leute an den falschen Stellen saßen und dort verhinderten, dass das Gute und Richtige getan wird.

Die Lokalzeitung (das „Organ der Bezirksleitung der SED“) in der Gegend im Brandenburgischen, in der ich aufwuchs, hieß „Märkische Volksstimme“ und hatte normalerweise 8 oder 10 Seiten. Die letzte Seite hatte den Titel „Aus dem Kreis Pritzwalk berichtet“ und wurde von einer Lokalredaktion mit Inhalt gefüllt – die wiederum eine „ehrenamtliche Jugendredaktion“ hatte, die hin und wieder Artikel übers Jugendleben lieferte. Einer der Jugendredakteure war ich. Eines Tages lieferte ich einen Artikel über die „Singebewegung“, also über die Aktivitäten von Singegruppen. Das waren kleine Chöre, die vor allem sozialistische Aufbaulieder und Jugendlieder einstudierten und bei Kulturprogrammen in Betrieben oder bei anderen Kulturveranstaltungen auftraten.

Was mich ärgerte war, dass das Publikum den Programmen, die die Jugendlichen einstudiert hatten, kaum zuhörte. Meist saßen sie da, unterhielten sich und klatschten mechanisch, wenn ein Lied zu ende war. Ich wiederum war der Meinung, dass wir doch eine Botschaft hatten, etwas vermitteln wollten. Darüber schrieb ich und lieferte meinen Text an die Redaktion. Der Text wurde nicht veröffentlicht.

Ein paar Tage später wurde ich allerdings in die Kreisleitung der FDJ bestellt. Der Kultursekretär hatte meinen Text wohl bekommen und gelesen und zeigte Verständnis für den Inhalt. Allerdings, so sagte er, würden wir die schmutzige Wäsche doch lieber „unter uns“ waschen. So etwas zu veröffentlichen würde doch nur dem Klassenfeind nützen.

Ich habe das damals akzeptiert, ich fühlte mich auf gewisse Weise sogar geehrt. Gehörte ich doch zu diesem Wir, das die wichtigen Dinge intern klärt und zugleich dem Klassenfeind keine Chance gibt, unsere Schwächen auszunutzen. Dass wir das Problem, welches mein Artikel ansprach, nur in einer Diskussion mit Publikum und Veranstaltern hätten lösen können, in dem wir miteinander darüber gesprochen hätten, welche Sinn diese Kulturprogramme überhaupt hatten – auf den Gedanken kam ich nicht.

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