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Diekmann, Naumann und die „68er“

Bild-Chefredakteur Kai Diekmann hat ein Buch über die sogenannten 68er geschrieben und er hat ausgerechnet den ehemaligen SPD-Kulturstaatsminister und heutigem Zeit-Herausgeber Michael Naumann als ersten öffentlichen Kritiker bei der Buch-Vorstellung eingeladen.

Naumann selbst hatte kürzlich in der Zeit darüber gesprochen, welche positiven Effekte die Bewegung der 68er auf die deutsche Gesellschaft gehabt hat, schon in diesem Gespräch waren seine Ausführungen, das Land sein durch die 68er liberaler geworden, von seinem Gesprächspartner Kraushaar nicht unwidersprochen geblieben. Kraushaar betonte dort, dass die Tendenzen zur Liberalisierung bereits mit der Großen Koalition, spätestens aber mit der Sozial-Liberalen Koalition in den 60ern angelegt waren.

Nun also sollte Naumann zu Diekmanns Buch „Der große Selbstbetrug“ Stellung nehmen, in dem der Autor nicht nur jede positive Ausstrahlung der 68er auf die deutsche Gesellschaft bestreitet sondern diese sogar für alle Schwierigkeiten, in die Deutschland seit dem geraten ist, verantwortlich macht.

Naumann argumentiert in seiner Kritik an Diekmann reichlich merkwürdig, wenn man sie mit seinen eigenen Ausführungen in der Zeit vergleicht. Plötzlich spielt er die Wirkung der 68er herunter. Der SDS habe doch nur maximal 2000 Mitglieder gehabt, wie sollten die denn die ganze Gesellschaft beeinflussen. Dass dieser Einfluss, wenn man ihn positiv bewerten will, gigantisch sein kann, hatte er noch in der Zeit gesagt, hier nun, wo es um eine kritische Bewertung geht, will er ihn kleinreden.

Wenn ein Buch in der öffentlichen politischen Diskussion wahrgenommen werden soll, muss es zuspitzen. Natürlich sind die „68er“ nicht alleine an allem Schuld, aber viele von ihnen haben in der Folge Verantwortung übernommen und Deutschland entscheidend politisch mitgestaltet. Und andere, die 1968 noch Kinder waren, sind von ihnen beeinflusst worden. In so fern ist Naumanns Rede von den maximal 2000 Aktiven eine Milchmädchenrechnung.

Man sollte Diekmanns Buch als einen Test sehen, ob sich aktuelle Probleme plausibel aus den Zielen und Konzepten der „68er“ ableiten lassen. Das ist dann zwar nicht die „ganze Wahrheit“ aber immerhin ein interessanter Ansatz, wenn man nach Änderungen für die Zukunft schaut. Und als „Gegengift“ kann man Naumanns Sichtweise in der Zeit lesen, vielleicht sind beide Sichtweisen ja auf ihre je eigene Art ein Beitrag zur Wahrheitsfindung.