Schirach ohne Moral

Es wird wohl das erfolgreichste Theaterstück der kommenden Spielzeiten an deutschsprachigen Bühnen werden. Schon jetzt haben 312.000 Menschen das Stück gesehen, und viele Theater haben für die kommende Spielzeit die Premiere im Programm.

Dabei ist „Terror“ von Ferdinand von Schirach gar kein „richtiges Theaterstück“. Es ist sozusagen die Live- und Echtzeitdarstellung einer Gerichtsverhandlung, mit „Anklageverlesung“, „Zeugenvernehmungen“, „Plädoyers“ und einem „Urteil“ – und die Zuschauer, die sind bei dem ganzen Schauspiel auch nicht einfach das Publikum, sie sind die „Richter“, oder die „Schöffen“, die ein „Urteil“ sprechen, die über „Freispruch“ oder „Schuldig“ zu befinden haben.

Ja, viele Anführungszeichen stehen in diesem ersten Absatz, viel uneigentliche Rede, das sieht absurd aus. Und irgendwie ist die ganze Sache auch absurd. Auf einer Webseite kann man verfolgen, wieviel Prozent der Zuschauer in welchem Theater auf „Schuldig“ oder „Freispruch“ plädiert haben. Dort kann man auf schwarzem Grund Statistiken in Rot und Grün abrufen, die zeigen, wie sich andere „Schöffen“ an anderen Orten „entschieden“ (ja, auch dieses Wort gehört in Anführungszeichen) haben. Spätestens dort fragt man sich, welcher Show man hier eigentlich beiwohnt.

Keine Theaterkritik

Ich habe das Stück vor Monaten in Düsseldorf  und später die Premiere am Wolfgang-Borchert-Theater in Münster gesehen. Ich habe mir auch den Film angeschaut. Aber hier geht es nicht um konkrete Inszenierungen, hier geht es um das Stück als Text und um diese merkwürdige Einbeziehung der Zuschauer. Dies ist keine Theaterkritik.

Das Stück macht den fiktiven Abschuss eines Verkehrsflugzeuges durch einen Bundeswehr-Piloten zum Thema. Das Flugzeug ist von Terroristen gekapert worden und diese beabsichtigen, es in einem vollbesetzten Stadion abstürzen zu lassen. Der Pilot hat sich, unabhängig von Vorgaben und Befehlen, dafür entschieden, das Flugzeug abzuschießen, die 100 oder 200 Passagiere zu opfern, um Zehntausende im Stadion zu retten.

Die Frage ist nun also, ob er schuldig oder unschuldig am Tode der Passagiere ist, ob er deshalb zu verurteilen (und dementsprechend einzusperren) oder freizusprechen ist.

Ich will mich hier nicht mit den Details der Argumentation von Anklage, Verteidigung, Zeugen und Angeklagtem befassen. Jeder mag da selbst ins Theater gehen und sich die einzelnen Monologe und Dialoge anhören – die sind im Detail durchaus interessant und bewegend. Mir geht es um grundsätzliche Fragen, die sich an dieser Konstellation diskutieren lassen.

Das moralische „Dilemma“: Eine lange, aber irrige Tradition

Über den größten Teil des Stücks wird die moralische Konfliktsituation, in der sich der Pilot befindet, als Dilemma dargestellt: Das Leben der Menschen an Bord des Flugzeugs gegen das Leben der Menschen im Stadion. Dieses Dilemma wird in verschiedenen Variationen durchgespielt, an leicht abgewandelten Beispielen in einfacher oder komplizierterer Form behandelt. Damit befindet sich von Schirarch in einer bekannten, aber ganz irrigen Tradition. Die Frage, ob man das Leben Weniger für das Vieler opfern sollte oder dürfte, wird immer wieder als eine moralische Grundfrage dargestellt. Man meint, anhand solcher so genannten Dilemma-Situationen darüber reflektieren zu müssen, ob Moral etwas mit Nutzen, sogar mit größerem oder kleinerem Nutzen, mit dem Verrechnen oder Abwägen von Übel und Freude, von Tod und Leben zu tun habe.

Von Schirach meint offenbar, dass das moralische Denken darin bestehen würde, dass die Menschen aus den bestehenden Optionen die richtige, die beste auswählen. Selbst in dem Moment, als kurz aufscheint, dass die Verantwortlichen mehr als zwei Optionen gehabt hätten, wird von diesem Paradigma nicht abgegangen. Es ist der Moment, als die Staatsanwältin fragt, warum das Stadion nicht geräumt worden ist, auch wenn doch noch fast eine Stunde Zeit gewesen sei. In diesem kurzen Moment, der jedoch auch gleich wieder überspielt wird, wird in der konstruierten Situation aus dem Dilemma ein Trilemma, aber immer noch bleibt es dabei, dass es moralisch sei, aus den bestehenden Optionen eine auswählen zu können, und dass diese Auswahl irgendwie nach mathematischen Kriterien erfolgen könnte.

Auch bei der Beurteilung des Handelns des Piloten wird man diese „dritte Option“ außen vor lassen können, denn für die mögliche Räumung des Stadions war er ja nicht zuständig. Wenn die Zuschauer dann am Ende gefragt werden, ob er schuldig oder freizusprechen sei, bleibt eben nur die Frage: War es richtig, das Flugzeug abzuschießen, oder war es falsch?

Vielleicht richtig, aber niemals gut

Aber mit dieser Frage ist das Feld des Moralischen noch gar nicht betreten. Die Frage nach dem moralischen Handeln, die Frage nach der moralischen Schuld, wird gerade verdrängt durch all diese Erwägungen über das Dilemma und über die Zwänge und die Verfahren, die das politische und militärische Entscheiden beeinflussen. All diese Abschätzungen, Syllogismen, Schlussfolgerungen, Gleichnisse, Argumentationen sind nur dazu da, die Stimme des Gewissens und der Moral zum Schweigen zu bringen.

Der moralische Mensch weiß, dass er schuldig ist, wenn er Menschen tötet. Es mag richtig sein, das zu tun, aber es ist niemals gut. Immer, wenn ich einem anderen Leid zufüge, belade ich mich mit Schuld. Auch wenn ich meine, keine andere Wahl gehabt zu haben. Ich muss diese Schuld tragen, sie wird mir nicht durch das Urteil, dass es doch aber richtig gewesen sei, abgenommen.

Das moralische Spektrum erstreckt sich nicht zwischen Richtig und Falsch, sondern zwischen Gut und Böse. Mit dem Versuch, eine moralische Frage im Richtig-Falsch-Spektrum zu beantworten, stellen wir uns schon außerhalb der Moral auf. Wir umgehen die moralische Frage, wenn wir fragen, ob unsere Entscheidung richtig war.

Wir halten Moral nicht mehr aus

Denken wir zurück an die griechischen Tragödien. Auch hier werden Menschen in Dilemma-Situationen gestellt. Käme irgendein Zuschauer einer solchen Tragödie auf die Idee, die Charaktere wären unschuldig? Im Gegenteil, die Tatsache, dass sie Schuld auf sich geladen haben, dass ihr Schicksal ihnen keine andere Wahl ließ, als schuldig zu werden, ist der Kern der griechischen Tragödie. Wir Heutigen halten diese einfache Tatsache offenbar nicht mehr aus.

Ganz unmoralisch wird das Projekt, wenn der Autor versucht, die tatsächlich unlösbare Schicksals-Situation auf eine simple Entweder-Oder-Entscheidung zu reduzieren und den Zuschauer per Abstimmung entscheiden zu lassen, ob der Pilot nun schuldig sei oder freizusprechen ist. Freizusprechen wovon? Schuldig woran? Hier werden rechtliche und moralische Fragen auch noch aufs Übelste miteinander vermischt. Aber das ist nicht das schlimmste: Mit der „Abstimmung“ erfolgt sozusagen die definitive moralische Entlastung der Zuschauer, an die Stelle der Katharsis hat von Schirach die „demokratische Entscheidung“ des Publikums gesetzt. Damit können wir, in der Pause und auf dem Heimweg, ganz intellektuell, gelehrt und sachlich die Für und Wider besprechen, die Vor- und Nachteile wägen und uns von der moralischen Belastung, die uns das ungeheuerliche Ereignis eigentlich aufbürden müsste, befreien – falls wir sie überhaupt empfunden haben. Und am Ende schauen wir ins Internet, stellen fest, dass andere Zuschauer anderswo ganz ähnlich „entschieden“ haben und kommen zu dem Schluss, dass es ja dann wohl richtig so sein wird, und schlafen ruhig ein.

Der Pilot in Schirachs Stück geht nicht an seiner moralischen Schuld zugrunde, er kann als „unschuldig“ in sein tägliches Leben zurückkehren. Er hat das „Richtige“ getan, das versichert ihm die Gemeinschaft des Publikums.

Das ist nicht gut.

2 Gedanken zu „Schirach ohne Moral“

  1. Hallo Herr Friedrich,

    ich habe Schwierigkeiten Ihrer Argumentation zu folgen, wohingegen ich in Bezug auf von Schirach das Gefühl habe, diesen gut zu verstehen. Von Schirach ist Jurist, sie sind Philosoph, vielleicht liegt es daran. Ich kann ihm deshalb eher folgen, weil ich das von Ihnen hier Gesagte eher als schwammig empfinde.

    Zitat: Der moralische Mensch weiß, dass er schuldig ist, wenn er Menschen tötet. Es mag richtig sein, das zu tun, aber es ist niemals gut. Immer, wenn ich einem anderen Leid zufüge, belade ich mich mit Schuld. Auch wenn ich meine, keine andere Wahl gehabt zu haben. Ich muss diese Schuld tragen, sie wird mir nicht durch das Urteil, dass es doch aber richtig gewesen sei, abgenommen. Zitatende

    Das würde niemand, auch von Schirach, wohl kaum bestreiten; doch damit ist die Frage noch nicht beantwortet, welche Konsequenzen man für den Piloten anordnet. Soll er in Freiheit bleiben, soll er einen Verdienstorden bekommen oder soll er lebenslang oder für viele Jahre ins Gefängnis?

    Der Fall, der Basis des Theaterstücks ist, könnte jederzeit juristisch relevant werden, beispielsweise, wenn die Polizei zur Verhinderung eines Attentats auf das Fahrzeug eines Täters schießen muss, in dem auch sich auch unschuldige Geiseln befinden.

    Egal wie gut oder gelungen man das Stück empfindet, das Dilemma bleibt bestehen: Kann es notwendig sein, unschuldige Menschen zu töten, um größeren Schaden (noch mehr Tote) zu verhindern?

    Möglicherweise irritiert das deutliche Abstimmungsergebnis der Theater- und Fernsehzuschauer. Irgendwie ist es zu platt, vielleicht denken die Leute zu einfach und eine Inszenierung fördert dieses einfache Denken. Soweit könnte ich die Kritik ja noch nachvollziehen.

  2. Lieber Egon Schmitz,

    Sehen Sie, mich interessiert die rechtliche Entscheidung gar nicht so sehr wie das moralische Problem. Und mich interessiert, wie das Moralische Problem bei Terror dargestellt wurde, nämlich als Dilemmasituation. Und ich will deutliche machen, dass moralische Probleme keine Dilemmas sind.

    Von Schirach hat Moral und Recht in seinem Drama vermischt. Das halte ich für problematisch.

    Übrigens ist ja auch interessant, dass so viele Menschen auf Unschuldig plädieren, obwohl aus rechtlicher Persektive eigentlich klar ist, dass der Pilot Gesetze verletzt, Recht gebrochen und Vorschriften und Anweisungen missachtet hat. So klar, wie Sie sagen, scheint von Schirachs Argumentation also auch nicht zu sein.

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