White Out

Das Nebelgrau zerfließt in blassem Blau
Des Eises unter harschem Schnee. Und nur
Gedämpft hör ich den Schritt, die Spur
Bleibt wohl zurück – ein Schatten – ungenau.

Auf diesem harten Boden gehe ich
Dahin, wo ich bis heute noch nicht war.
Die Gegend ändert sich nicht übers Jahr.
Die matten Töne wiederholen sich.

Soweit der Stock reicht, ritze ich ins Weiß
Hellgraue Linien, weise mir den Weg.
Die eignen Zeichen werden mir zum Steg
Durch nasse Kälte und durch raues Eis.

Bleibe

Mit scharfen Fäden schleift der Schnee die Wände
Und stürzt dann kraftlos in das Labyrinth.
Bizarrer Schaum wächst am gebrochnen Ende,
Durch den das Eis – zu Staub zermahlen – rinnt.

Schon Wochen nur vernarbtes Land gesehen
Und durch Geröll getaumelt tagelang.
Du hieltest mich, ich stützte dich beim Gehen
Bis uns die Dunkelheit zur Ruhe zwang.

In morsches Eis grub ich mit schwachen Schlägen
So tief, dass es genügte für die Nacht.
Auf blankem Grund, so dass wir sicher lägen,
Hab ich die klammen Kleider festgemacht.

Wir lagen schlaflos. Atem wehte sachte
Von dir zu mir, von mir zu dir zurück,
Wie wärmende Gezeiten und ich wachte
Noch Stunden später, regte mich kein Stück.

Das Wasser tropfte tickend von den Seite.
Es zeichnete ins Eis ein Ornament.
Hier gab es keine Enge, keine Weite
Statt Dauer nur den endlosen Moment.

Am Morgen griff der Sturm uns in die Jacken.
Ich wollte bleiben, dich zog es ins Tal.
Ich lag noch lange, sah dir zu beim Packen.
Und folgte schließlich, hatte keine Wahl.

Reiseruf

Die braunen Tulpenblätter fallen wieder
In hohes Gras, und dichter wird das Laub.
Auf trocknes Holz legt sich der Blütenstaub,
Vor dunklen Sträuchern steht schon weißer Flieder.

Bald werden sie zu einer grünen Mauer,
Dann wird die Hitze überm Garten stehn.
Die Farben werden kommen, werden gehn,
Die schönen Stunden sind von kurzer Dauer.

Soll ich nun all das noch einmal bestaunen,
Auch dieses Jahr so wie im Jahr zuvor.
Und soll ich noch einmal der Dinge harren,

Schon lange lockt mich dieses leisen Raunen,
Ruft mich hinaus, zur Straße, vor das Tor,
Zum Aufbruch in das fremde Land der Narren.

Nicht umsehen

Du musst nur immer weiter geradeaus laufen ohne dich umzusehen, dann wirst du irgendwann einen Punkt erreichen, von dem aus es kein Zurück gibt. Ulrike hatte den Satz im Traum gehört, in einem Traum in dem sie aus dem Haus getreten war, sich auf der Straße nach links gewendet hatte, sie war ganz gemächlich gegangen, geschlendert fast, die Häuser blieben hinter ihr zurück, die Straße wurde zu einer Allee, alte freundliche Bäume zu beiden Seiten, dann zur Landstraße, später zu einem Feldweg, der sich auf einer unendlichen Wiese verlor. Überall war nichts als das Grün in allen Variationen zwischen gelb und blau, darüber der Himmel wie ein Dom, in dessen Mitte sie stand.

Sie hatte sich ausgestreckt auf dieser grenzenlosen Ebene, hatte die Wärme des Bodens aufgenommen.

Dann war sie aufgewacht. Nicht umsehen weiterlesen

Nach einem Abend

Fest bindet euch die Stiefel und die Schuh,
Zieht tief die Hüte ins Gesicht und auch
Die Jacken schließt, dann gebt mir diesen Hauch
Von Kuss und sagt den alten Satz dazu.

Von draußen weht die Luft der Nacht herein,
Ein schmaler Lichtschein weißt den Weg zum Tor.
Einmal noch treibt ein Lachen her bevor
Die Tür sich schließt – und Stille fängt mich ein.

Ich gehe durch den warmen hellen Raum,
Steh lange vor dem offnen Buch und leg
Es dann sehr weit und auch für immer fort.

Ich lösch das Licht und warte auf den Traum.
Ich weiß, dass ich nicht folge eurem Weg
Und Ihr kehrt nicht zurück an diesen Ort.

Vater stirbt

Die Stille stand da wie eine Wand, als Ulrike das Elternhaus betrat. Welch eine Kraft kostete es, durch die Diele zu gehen, die Tür zu dem Zimmer zu öffnen, in dem das Bett stand, hinzusehen, ein Wort zu sagen, zu lächeln, mit den Fingern über die harte Stirn zu streichen, die weiße Hand zu nehmen.
Mutter saß links, daneben stand der Stuhl für Ulrike bereit. Wie oft hatten sie so gesessen in den letzten Monaten? Im Frühjahr hatten sie noch gesprochen, über die Arbeit, über das Wetter, über den Garten. Vater hatte zugehört, manchmal gelächelt. Seit dem Sommer hatte er nur noch an die Decke gestarrt, Ulrike hatte fast immer schweigend neben der Mutter gesessen. Vater stirbt weiterlesen

Der Blaue Fluss

Der Blaue Fluss entsprang irgendwo ganz oben in den kalten Bergen und kam als kristallklarer Strom in das Tal. Vor langer Zeit hatten die Indianer sich entlang des Flusses in fünf Dörfern angesiedelt. Jedes Dorf hatte seinen eigenen Häuptling, aber sie lebten friedlich und glücklich in diesem Tal, welches das Grüne Tal genannt wurde, wegen der vielen Pflanzen und Bäume, die das ganze Jahr dort wuchsen. Sie fingen Lachse und bauten Mais an, und was in dem einen Dorf knapp war, gab es in dem anderen zur Genüge und durch gerechten Tausch gab es überall von allem genug.

Die Indianer am blauen Fluss wussten, dass weiter oben in den Bergen ein anderer Stamm seine Dörfer hatte. Aber nur selten ging einer von ihnen dort hinauf, und nur selten ließ sich jemand von dort bei ihnen sehen. Der Blaue Fluss weiterlesen

Leise nieselt’s – oh weh

Leise nieselt’s – oh weh
Still liegt Nebel am See
Und feuchter Matsch liegt im Wald –
Freue Dich – Weihnacht kommt bald

Im Dezember wird’s warm
Schneeschuh könnt ihr euch spar’n
Hört nur wie lieblich es schalt
Wenn Regen auf’s Fensterbrett knallt.

In der heiligen Nacht
Finst’re stürmische Pracht
bringt Schauer und Wind uns geballt
Freue Dich – Weihnacht kommt bald

Am Berg

Auf kargem Kies verteilt sich Überfluss,
Gesplissen wächst aus scharfen Rissen Tand
Und fädelt sich wie Adern dann am Schluss
In abgenutzten Fels am Gletscherrand.

Schwaches Sprießen siehst du kaum,
Blick streift nur den Samenflaum,
Schnell vorbei,
Einerlei,
Sicher greift der Fuß den Raum.

Ein langes Wehen gräbt in spröden Firn
Die kalten Falten, hart wie Diamant.
Das Eis erhebt sich: eine blanke Stirn
Wird überragt vom steilen Felsenband.

Eisen schlägt in den Kristall
Gläsern splittert Eis im Fall.
Trifft das Beil,
Hält das Seil!
Abgrund siehst du überall.

Die Haut des Berges ist vom Wetter wund
An ihren Poren schimmert grüner Glanz.
Die Säulen aus gefurchtem Stein im Rund:
Wie Heilige, erstarrt im letzten Tanz.

Finger greifen in den Spalt,
Fuß sucht an den Platten halt.
Auf dem Turm
Trifft der Sturm
Dich mit plötzlicher Gewalt.