Warum ließ die Fortis-Bank das Sparschwein Knorbert sterben

Die Niederländische Fortis-Bank hat Mitte Februar entschieden, Kindern, die bei ihr ein Konto eröffnen, nicht mehr das Sparschwein Knorbert zu schenken. Begründet wird dies unter anderem mit dem von verschiedenen Medien übereinstimmend zitierten Satz, dass „Knorbert nicht die Anforderungen erfüllt, die die multikulturelle Gesellschaft an uns stellt.“

Wird sich Henryk M. Broder für seine Behauptung, es gäbe Banken, die aus Angst vor muslimischen Befindlichkeiten bereits die Sparschweine abgeschafft hätten, auf den Fall der Fortis-Bank berufen können, werden Stefan Niggemeier und andere Kritiker des Publizisten nun zähneknirschend eingestehen, dass die westliche Kultur auf dem Rückzug vor dem Islam ist?

Ganz so einfach ist die Sache nicht.

Die Bank hat eine Marketing-Entscheidung getroffen. Sie sieht sich ihre (potenziellen) Kunden an und fragt sich, was diese stören könnte und was diese anlockt. Das Sparschwein hat es lange gegeben – sind die europäischen Kinder noch scharf darauf, oder hat es für sie bereits den Charme von Großmutters Zeiten? Gleichzeitig gibt es offensichtlich eine nicht unbedeutende Kundengruppe, die vielleicht allein deshalb kein Konto bei der Bank eröffnet, weil diese mit einem Geschenk wirbt, das bei diesen Menschen als unrein gilt.

Eine Bank hat, wie andere Wirtschafts-Unternehmen, sicherlich nicht die Aufgabe, als Bollwerk gegen den kulturellen Wandel aufzutreten. Kundenorientierung bedeutet, zu schauen, welche Marketing-Instrumente von möglichst allen Kunden akzeptiert werden, und welche am besten zur aktuellen Marktsituation passen.

Wahrscheinlich können die meisten nicht-muslimischen Kinder es verschmerzen, dass es nun keine Sparschweine mehr gibt – das hängt ganz davon ab, was der neue Preis für die Kontoeröffnung ist (die Rede ist von einer Kinder-Enzyklopädie).

Allerdings kann man wohl kaum dabei stehen bleiben, dass die Bank eine aus der Sicht von Marketing und Kundenbindung richtige Entscheidung getroffen hat, die der aktuellen Situation gerecht wird. Nicht die Bank, sondern die Gesellschaft muss die Frage beantworten, ob der kulturelle Wandel, auf den das Unternehmen reagiert, gewünscht ist. Dabei ist ein Sparschwein nur ein kleines, letztlich unwichtiges Fallbeispiel. Es eignet sich gut für eine offene Diskussion über den Mechanismus eines Wertewandels, weil an diesem merkwürdigen und kitschigen Gefäß wohl wirklich kaum jemand hängt. An ihm können wir aber wie in einem Experiment durchspielen, wie Traditionen aktiv verdrängt werden, wie damit Wertesysteme verändert werden, und schließlich eine Gesellschaft entsteht, die unserer hergebrachten Form des Zusammenlebens nicht mehr entspricht.

Niemand tut etwas falsches, aber am Schluss ist etwas passiert, das keiner gewollt hat. Das ist der typische Prozess der gesellschaftlichen Veränderung. Wer dafür sensibel ist, der kann in diesen Mechanismus eingreifen. Wenn die holländischen Kunden der Fortis-Bank für ihre Kinder das Sparschwein zurückfordern, werden sie es vielleicht bekommen. Wenn sie sagen, dass das eh nur ein kitschiger Staubfänger war, geht mit dem runden Steingutgefäß vielleicht auch die Idee des Sparens verloren, wie es vom Sparschwein realisiert wurde. Auch das muss ja nicht schlimm sein – aber man sollte sich dessen bewusst sein.

13 Gedanken zu „Warum ließ die Fortis-Bank das Sparschwein Knorbert sterben“

  1. Ich staune immer wieder wie schnell „Die Masse“ auf die einfachsten PR-Techniken reagiert. Auch wundert es mich nach wie vor wie anfällig „Die Presse“, auf der stetigen Hatz nach Neuigkeiten, selbst die nichtigsten Geschichten aufgreift, um daraus eine grosse Seite 1 Story zu machen…

    Kein Wunder das die Printmedien es, unter diesen Umständen, immer schwerer haben Anzeigenkunden zu gewinnen. Vielleicht sollten die Verlage dazu übergehen, selbst mehr PR-Fachkräfte zu beschäftigen 😉

    Gruß

  2. @Michael: Ich halte den Vorfall an sich schon für interessant, weil er zeigt, wie kultureller Wandel wirklich vor sich geht.

    @Spiegelfechter: Dass du meine Sympathie für Broder nicht verstehen kannst, überrascht mich nicht. Allerdings weiß ich nicht, wo du sie ausgerechnet in diesem Artikel findest. Es wäre mir schon wichtig, dass man erkennt, dass ich seiner Argumentation hier nicht folge.

  3. @Jörg:

    Natürlich siehst Du das im Kern richtig.

    Ich wollte nur auf meine spezielle Art ausdrücken, für wie Bedenklich ich dieses von dir definierte „wirklich“ halte.

    Immerhin wird hier durch gezielte Medienmanipulation in Summe ein Stimmungsbild aufgebaut, unter dessen Konsequenzen Menschen zu leiden haben werden. Wo bleibt da bitte die Verantwortung?

    Gruß

  4. Interessant ist doch, wie HMB nun diese Nachricht kommentiert:

    „Die holländische Fortis-Bank verschenkt keine Sparschweine mehr, um die Gefühle der Moslems nicht zu verletzen. http://www.nisnews.nl/public/210208_2.htm Der Telegraaf hatte die Sache aufgedeckt, http://www.telegraaf.nl/binnenland/3340863/_Fortis_bant__onrein__varkentje__.html. – Kommissar Erbsenzähler hat sich zu dem Fall noch nicht geäußert. “

    Allerdings findet sich im ersten link auch gleich der letzte Absatz:
    „Later yesterday, Fortis tried to quash the suggestion that it was influenced by Islam. „The real story is a bit more balanced. „The Knorbert product has reached the end of its life-cycle,“ was spokeswoman Marianne Honkoop’s attempt.“

    Broder ist also nicht einmal fähig, die direkt verlinkten Artikel klar zu interpretieren, oder es geht ihm eben darum, seine Ideologie zu verbreiten, indem er selektiv Nachrichten kommentiert.
    Seine Arbeitsweise kann meiner Ansicht nach daher am ehesten mit einem Chefkommentator verglichen werden, den wir bis 1989 auf DDR2 bewundern durften und der sich gern Nachrichten des Westfernsehens bediente um nachzuweisen, dass der Sozialismus das bessere System sei.

    http://upload.wikimedia.org/wikipedia/en/thumb/c/c9/KarlEduardVonSchnitzlerScreenshot.jpg/180px-KarlEduardVonSchnitzlerScreenshot.jpg

  5. @Peter: Es geht hier nicht um Broder. Der Vergleich mit Schnitzler ist meines erachtens absurd, ich weiß nicht, ob du dessen Senungen je gesehen hast, ich vermute aber aus deinem Vergleich, dass das nicht der Fall ist.

    Die Fortis-Bank hat ausdrücklich gesagt, dass „Knorbert nicht die Anforderungen erfüllt, die die multikulturelle Gesellschaft an uns stellt.“
    Weitere Argumente sind zusätzlich gebracht worden, und, wie mir scheint, auf Nachfrage. Insofern kann man die Verknüpfung, die von verschiedenen Medien zwische der Tatsache, dass das Schwein im Islam als unrein angesehen wird, und der Tatsache, dass die Bank das Sparschwein durch ein neues Geschenk ersetzt, durchaus ziehen.

    Was ich inzwischen interessant finde: Beide Seiten in der Diskussion, scheinen es als wesentlich anzusehen, ob eine Bank Sparschweine abschafft, weil damit religiöse Gefühle von Moslems verletzt werden. Dementsprechend versuchen die einen nun immer noch, diesen Fakt zu bestreiten, während die anderen sich nun bestätigt sehen.

    Mir geht es bei meinen Überlegungen aber darum, was aus der Tatsache praktisch folgt. Wir können die Banken nicht zu Wächtern unseres Wertesystems machen – Unternehmen reagieren auf Bedürfnisse ihrer Kunden. Wenn die Mehrheit bereit ist, kulturelle Symbole wegen religiöser Verletztheiten anderer aufzugeben, wird das so geschehen. Dabei ist das Sparschwein nur ein Testfall, nur eine Kleinigkeit. Es gibt ja noch wesentlich stärker kulturell verankerte Traditionen, die die religiösen Gefühle von Moslems verletzen.

  6. Ich habe den Schwarzen Kanal sehr oft gesehen und musste feststellen, dass selektive Berichte des „BRD-Fernsehens“ – am liebsten sogar kritische Sendungen wie „Monitor“ – dafür herhalten mussten, um eine Ideologie zu rechtfertigen. Anders ist es bei Broder auch nicht. Wer fähig ist, die Sendung von der Ideologie zu separieren und auch Broders Ideologie von seinen Äußerungen trennt, wird doch die Parallele deutlich erkennen. Dass es zwei verschiedene Ideologien sind, sei doch unbestritten, aber die Arbeitsweise, einige Berichte zu einem Thema zu filtern und sie dann entsprechend polemisch zu kommentieren, ist doch die gleiche gewesen.
    Die Ausdrucksweise des Herrn von Schnitzler allerdings war nicht die des HMB, das Wort „Wichser“ wäre Karl-Eduard wohl nur als Zitat über die Lippen gekommen.

    Was mich wundert ist allerdings Deine Argumentation, die die Rücksichtnahme auf eine „multikulturelle Gesellschaft“ wiederum ausschließlich auf den Islam bezieht. Der Grund, weshalb ich das Wort „multikulturell“ nicht mag, obgleich sich mein Lieblingsradiosender auch so definiert ist der fast rein interpretatorische Gebrauch des Wortes, der mit dem Ursprung kaum etwas zu tun hat.

    Ansonsten reden wir hier von freier Marktwirtschaft. Wenn es sich also für eine Bank lohnen sollte, Sparschweine an Kunden heraus zu geben, wird sich das wohl irgendwann wieder einbürgern oder es wird eine kleine „Nischensparschweinbank“ geben.
    Eigentlich steht an diesem Beispiel also die Frage, ob es einer Kapitulation eines Anbieters gleichkommt, der seine Produkte auf Kundenbedürfnisse ausrichtet.

    Kann es sein, dass genau dies der Knackpunkt ist?
    Denn wer gleichzeitig freie Marktwirtschaft fordert und außerdem den Islam zurückdrängen möchte, hat ja ein argumentatorisches Problem.

  7. Nun, die Bank hat von der Multikulturellen Gesellschaft gesprochen, aber ich denke, dass es legitim ist, dann nachzuschauen, welche Gruppen dieser Gesellschaft dort Probleme haben könnten.

    Über den Unterschied zwischen solchen Leuten wie Schnitzler und solchen wie Broder werde ich vielleicht irgendwann noch einmal einen gesonderten text schreiben, denn das ist, wie du auch schreibst, nicht der entscheidende Punkt.

    Der Punkt ist tatsächlich, dass nicht der Anbieter kapituliert, und schon gar nicht die einzelne Bank, die sicherlich viele Gründe haben kann (worauf ich auch hinwies und was du noch einmal völlig richtig zitiert hast) ein anderes Geschenk zu definieren, sondern dass die Menschen solche Veränderungen hinnehmen, weil sie sie für unwichtige Einzelfälle halten, obwohl sie doch erste Indizien eines dramatischen Wandels sein können. Ich habe dazu heute nochmal einen Text geschrieben: http://www.xn--jrg-friedrich-imb.de/2008/02/28/eine-argumentationsfigur/

  8. Ich halte auch nicht viel von der Art und Weise wie Broder sich äussert. Der Unterschied zu Schnitzler ist aber allein dadurch enorm, dass Schnitzler die Macht einer Diktatur im Rücken hatte und sich nie mit Gegenargumenten auseinandersetzen musste oder für seine Meinung rechtfertigen.

  9. Vielleicht macht sich einer der beteiligten „Journalisten“ nicht die Mühe mal direkt an der Quelle nachzufragen um ein Originalzitat zu bekommen a) ob die Bank wirklich das Schweinchen killen will und b) aus welchem Grund und c) was sie stattdessen als Spardose ausgeben will. Mann Mann, ich bin ja selbst kein Journalist, aber so schwer kann das ja wohl nicht sein statt immer nur vom Hörensagen zu berichten….moment google google…ah ja, da haben wir’s:

    Fortis: Director Corporate Communications:

    Wilfried Remans
    Tel + 32 (0)2 565 4679
    Fax + 32 (0)2 565 4710

    Contacts for the International press:

    Liliane Tackaert (Head)
    Tel + 32 (0)2 565 4650
    Fax + 32 (0)2 565 4710
    Melanie Dunn
    Tel + 32 (0)2 228 61 88
    Fax + 32 (0)2 565 4710

    So, wer ruft da jetzt an? Herr Friedrich, Herr Broder, Herr Niggemeier, oder muss ich selber?

  10. @Nordtrollster: Ich bin kein Journalist. Aber du kannst, wenn du einmal beim Googlen bist, auch die Original-Pressemitteilung finden. Ich such sie dir aber morgen auch noch mal raus.

  11. Das „geschlachtete“ Sparschwein als solches können wir sicher verkraften. Mehr Sorgen macht mir das immer weitergehende Einknicken vor dem Islam bzw. den Wünschen seiner Anhänger. Erst war es ein abgesetztes Theaterstück, gestern ein Sparschwein, heute die geschlossene Kunstausstellung in Berlin („Dummer Stein“)… und morgen? Wo ist die Grenze? Ich glaube, wir werden uns zu Tode tollerieren. Die Demontage läuft…

    Der Spruch „Wehret den Anfängen“ bekommt im Zeitalter der Islamisierung Europas eine völlig neue Bedeutung. Schade, dass dies eigentlich gescheite Köpfe wie der Spiegelfechter immer noch nicht erkannt haben und lieber in ihrem alten Links/Rechts-Denken verharren.

  12. Unternehmen reagieren auf Bedürfnisse ihrer Kunden.“

    Tun sie das, oder reagieren Unternehmen auf unterstellte Bedürfnisse der Kunden? Sagt der Islam überhaupt irgendwas zu Schweinen als Spardosen, oder gibt es nicht nur ein Verzehrverbot?

    Oder ist das nicht wieder wie mit der Idemoneo, wo man sich in die Hose gemacht hat wegen eines befürchteten Anschlags, obwohl es nie eine Drohung, nichtmals eine Beschwerde gab. Man bildete sich nur ein, man könne jmd. verletzen, und hielt die eigene Projektion für einen Dämon.

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