Ein ästhetischer Blick auf die Politik

Der amerikanische Philosoph Frank Sibley zeigte in den 1960er Jahren, dass es wesentliche Unterschiede in der Begründbarkeit ästhetischer und nicht-ästhetischer Aussagen gibt. Er zeigte, dass sich die Aussage „Dies ist elegant, ausgewogen, dynamisch,…“ nicht in gleicher Weise begründen lässt wie Aussagen des Typs „Dies ist rot, blass, …“ aber auch nicht so, wie „Das ist intelligent, effizient, praktisch,…“.

Trotzdem hat man auch bei ästhetischen Aussagen den Wunsch, Begründungen zu liefern, die einem Gesprächspartner ermöglichen, das eigene Urteil nachzuvollziehen. Empfindet man z.B. ein Kunstwerk als „ausgewogen“ oder „anmutig“ und erzählt dies einem Freund, der diese Einschätzung überhaupt nicht teilt, so wird man nach Gründen suchen, die den Freund umstimmen.

Die Ähnlichkeit zwischen ästhetischen und politischen Urteilen, die uns bei der Betrachtung des jeweils aktuellen gesellschaftlichen Geschehens begegnen, ist frapierend. Wo der eine nur wirres Chaos erkennen kann, scheinen dem anderen die Aktivitäten der politisch handelnden Menschen, einzelne ihrer Lösungen oder sogar das ganze potitische System weitgehend „gelungen“, „ausgewogen“, „dynamisch“ oder „elegant“.

„Über Geschmack kann man nicht streiten“ sagt man manchmal, wenn die Meinungen über ein Werk der zeitgenössischen Malerei zu weit außeinander liegen. Und vielleicht ist das auch ein passendes Motto in manch einer politischen Diskussion. Aber jeder weiß: Verzichtet man auf die Auseinandersetzung, vermeidet man vielleicht den Streit, auf Dauer aber stellt sich Frustration ein. Denn auch wenn man akzeptieren muss, dass ästhetische Urteile nicht in gleicher Weise begründet werden können wie nicht-ästhetische, so glaubt man tief im Innern doch, eigentlich die besseren Argumente zu haben.

Und genauso ist es in der politischen Debatte.

Frank Sibley hat in seiner grundlegenden Arbeit „Ästhetische Begriffe“ von 1963 auch Überlegungen darüber angestellt, wie eine ästhetische Diskussion geführt werden kann. Er geht dabei davon aus, dass ästhetische Urteile zwar nicht notwendig und eindeutig aus bestimmten nicht-ästhetischen Eigenschaften gefolgert werden können (man kann z.B. nicht aus der Existenz geschwungener Linien in einem Bild in Kombination von blassen Farben logisch auf eine „anmutige Gestalt“ schließen) aber ein bestimmtes ästhetisches Urteil in einem konkreten Fall kann durch nicht-ästhetische und klar nachvollziehbare Eigenschaften gestützt werden (diese Gestalt ist anmutig wegen der so gebogenen Linien wegen dieser blassen Farben).

Eine zentrale Rolle beim Erkennen von ästhetischen Eigenschaften kommt nach Sibley dem Kritiker zu, der sein Publikum auf so einer Grundlage mit dem Werk vertraut macht. Dieser Kritiker wird z.B. auf bestimmte nicht-ästhetische Eigenschaften aufmerksam machen, die dem Betrachter vielleicht entgangen sind („Sehen Sie, wie die Linien alle zu diesem einen Punkt hinführen?“), er wird die ästhetische Wirkung dieser konkreten Elemente betonen („aus dieser Linienführung erhält die Figur ihre Eleganz“), wird ästhetische Urteile mit anderen, dem Betrachter vielleicht schon bekannten und geläufigen ästhetischen Eigenschaften verknüpfen („die Unbeschwertheit der Darstellung ergibt sich aus der farbenfrohen Gestaltung des Hintergrundes“).

Wenn der Betrachter das ästhetische Urteil des Kritikers trotzdem nicht nachvollziehen kann, wird dieser – so Frank Sibley – dem Betrachter vielleicht andere Werke zur Betrachtung empfehlen, und er wird ihm raten, später zu diesem Werk zurück zu kehren.

Für die politische Diskussion können wir einiges von diesen Überlegungen zur Ästhetik lernen. Der Blick auf die Politik ist genauso verwirrend wie der auf ein zeitgenössisches Kunstwerk. Trotzdem herrscht hier wie da kein Chaos. Und das, was wir auf den ersten Blick ablehnen, erweist sich bei genauerer und wiederholter Betrachtung durchaus als gelungen.

Begegnet man gegensätzlichen politischen Ansichten, so ist es meist aussichtslos, den anderen mit „rationalen Argumenten“ überzeugen zu wollen. Politik ist, ebenso wie Kunst (und viele andere Bereiche der menschlichen Tätigkeit) nicht vorrangig rational. Politische Bewertungen können deshalb auch nicht auf die gleiche Weise begründet werden, wie naturwissenschaftliche Aussagen, eher schon so, wie ästhetische Urteile.

Wir können unseren Gesprächspartner auf Elemente hinweisen, die seinem Blick bisher vielleicht entgangen sind. Wir können begründen, wie unser Urteil in einem konkreten Fall aus diesen Tatsachen folgt, ohne dass diese Folgerung in jedem anderen Fall genauso gültig sein muss. Und wir können unseren gegenüber bitten, sich andere Fälle anzusehen, und später vielleicht zur Betrachtung des strittigen Vorganges zurückzukehren.

Die Teilprivatisierung der Bahn ist verschoben

Die SPD hat auf ihrem Parteitag beschlossen, die Teilprivatisierung der Bahn AG über die Ausgabe von stimmrechtslosen Vorzugsaktien umzusetzen. Damit hat sie die Idee des ganzen Vorhabens im Prinzip ausgehebelt und letztlich dafür gesorgt, dass es in dieser Legislaturperiode keine Teilprivatisierung mehr geben wird.

Um die Konsequenzen dieser Entscheidung zu verstehen, muss man sich zunächst die Veränderungen der Bedingungen des Schienenverkehrs in den nächsten Jahren vor Augen bringen und sich noch einmal verdeutlichen, welchen Sinn die Beteiligung privater Investoren eigentlich haben sollte.

Bereits seit dem 1. Januar 2007 ist der internationale Güterverkehr liberalisiert. Ab dem 1. Januar 2010 wird der internationale Personenverkehr liberalisiert sein. D.h., internationale Logistikunternehmen werden in Deutschland Transportleistungen auf der Schiene anbieten können, sowohl im Güterverkehr, als auch im Personenverkehr. Im Gegenzug können deutsche Unternehmen, allen voran die Bahn AG, solche Dienstleistungen auch im europäischen Ausland anbieten.

Für die Bahnkunden und die verbraucher wird dieser Wettbewerb nur Vorteile bringen: Der Service wird verbessert, die Preise werden sinken, die Zuverlässigkeit wird steigen. Neue kreative Angebote werden entstehen. Durch den Wettbewerb im Gütertransport werden Transportkosten sinken, was sich ebenfalls vorteilhaft auf die Verbraucherpreise auswirken wird. Die Situation ist der im Flugverkehr und der in der Telekommunikation vergleichbar.

Zweierlei ist aber notwendig, wenn die Liberalisierung in Deutschland wirklich einen entsprechenden Effekt haben soll: Das Transportnetz muss modern und auf dem neuesten technischen Stand sein. Und: Die Bahn AG muss ein starker Wettbewerber sein, sowohl national als auch im internationalen Verkehr. Letzteres ist vor allem dazu wichtig, dass die Übersichtlichkeit und Durchschaubarkeit des Tarif- und Fahrplanwerkes erhalten bleibt. Eine starke Bahn AG könnte hier die Federführung für den deutschen und grenznahen Raum haben und auch bei internationalen Vereinbarungen ein gewichtiges Wort mitreden.

Diese Ziele sollten mit der Teilprivatisierung der Bahn erreicht werden. Kompetente und finanzstarke Partner sollten ins Unternehmen geholt werden. Daraus wird nun in den nächsten Jahren nichts, da die SPD den – sicher populären und in ihrer Wählerschaft gut gelittenen – Weg zum Streubesitz ala Telekom gehen will. An die Ausgabe und die Streuung wären weitere Bedingungen geknüpft gewesen, die es eben praktisch unmöglich gemacht hätten, dass größere institutionelle Anleger nennenswerte Anteile hätten erwerben können.

Die Erfahrungen mit der Telekom sollten das jedem einleuchtend bewusst machen. Die Telekom hat durch die Privatisierung eben kein Know How und keine investitionsbereiten Anleger gewonnen. Das ist der Grund, warum der Stern der Telekom unaufhaltsam sinkt, was letztlich im Telekommunikationsbereich auch nicht so schlimm ist, da hier von beginn an genügend Investoren aus dem rein privaten Bereich als Wettbewerber mit entsprechender Finanzstärke bereitstanden. Das ist im Bahn-Falle nicht so.

Damit wird bei der Bahn ein weiterer Investitionsstau entstehen. Der Bund kann das benötigte Geld nicht aufbringen. So wird das Schienennetz weiter verrotten, Bahnhöfe werden unsaniert bleiben. Ob internationale Wettbewerber Lust haben, auf den alten Schienen zu fahren, so dass wir wenigstens moderne Fahrzeuge nutzen können, ist fraglich. Und das alles, weil in Deutschland wieder mal die Angst vor dem bösen Kapital umgeht.

Karl Popper – ein technokratischer Intellektueller

Die politische Welt wird gern in einem eindimensionalen Spektrum dargestellt: Links-Rechts, Konservativ-Progressiv, Revolutionär-Reaktionär. Oft wird versucht, diese Spektren aufeinander abzubilden, dann ist linke Politik schnell progressiv und revolutionär, während rechts, konservativ und reaktionär ebenfalls gern zusammengefügt wird. Bei Spreeblick fand ich einen Artikel, in dem – an Bourdieu anschließend – ein neuer Versuch dieser Art skizziert wird:

Am linken Spektrum findet man den Intellektuellen, der aus einer relativ autonomen Position interveniert, also aus einem politisch, religiös und ökonomisch unabhängigen Feld heraus, und der seine primär nicht-politische Fachkompetenz und seine Autorität zur politischen Aktion nutzt. Sein Gegenüber ist der Technokrat, der Experte. Ganz grob schematisiert lässt sich sagen: Während der eine sich der Kritik, der Reflexion und der Beschreibung verschrieben hat, interessiert den anderen die Machbarkeit, die Effizienz und die Wirtschaftlichkeit.

Ich kenne Bourdieu nicht gut genug um verifizieren zu können, ob sich diese Unterscheidung so tatsächlich bei ihm finden lässt. Für mich ist die Frage, ob die in diesem Absatz aufgestellte Behauptung, dass die Intellektuellen immer links sind während die Technokraten ihnen gegenüber stehen, also am rechten Ende des Spektrums anzutreffen wären, haltbar ist.

Der Ansatz, Intellektuelle seien grundsätzlich „links“ im politischen Spektrum zu finden, scheint sich schon länger allgemeiner Beliebtheit zu erfreuen. Unterhaltsam und erhellend ist hier ein Aufsatz von Georg Jäger mit dem Titel Schriftsteller als Intellektuelle in dem sich z.B. folgende Absätze finden:

Im Nachkriegsdeutschland war die Begriffsbestimmung durch Arnold Gehlen, die an Joseph A. Schumpeter anschloß, von großem Einfluß. Danach haben als Intellektuelle diejenigen zu gelten, „die die Macht des gesprochenen und geschriebenen Wortes handhaben, im Schwerpunkt also die Publizisten und engagierten Schriftsteller“. Sie werden durch drei Merkmale charakterisiert:

„das Fehlen der direkten Verantwortlichkeit für praktische Dinge“,
„das Fehlen jener Kenntnisse aus erster Hand, wie sie nur die tatsächliche Erfahrung geben kann“
sowie die daraus resultierende „Neigung zu einer kritischen Haltung“.

Gehlen, den man sicherlich nicht als „Linken“ bezeichnen kann, so sehr man den Begriff auch dehnt und streckt, hatte eine tiefe Abneigung gegen diese Intellektuellen. Auch er hätte sicherlich kein Problem damit gehabt, „links“ und „intellektuell“ in einem Atemzug zu verwenden, aber wohl nicht, wie Bourdieu, um beides zu preisen, sondern um beides zu verwerfen.

Es kann dahin gestellt sein ob nicht auch Arnold Gehlen, der Philosophie, Philologie, Germanistik und Psychologie studiert hatte, bereits mit 34 Jahren Hochschulprofessor war und dies (mit einer kurzen Unterbrechung) bis zu seiner Emeritierung blieb und dessen Einfluss auf die Politik vor allem von Büchern und Vorträgen ausging, nicht selbst unter seine klare Intellektuellen-Definition fällt. Schon damit wäre ja die Idee, der Platz der Intellektuellen im politischen Spektrum wäre „links“, widerlegt. Viele weitere Namen ließen sich nennen. Große liberale und konservative Denker, man denke an Friedrich August von Hayek („Der Weg zur Knechtschaft“) oder Milton Friedman („Kapitalismus und Freiheit“) Gerade einmal Ralf Dahrendorf fällt mir ein, wenn ich nach Namen von konservativen oder liberalen Denkern suche, die ihre Ideen unmittelbar als Politiker umzusetzen suchten.

Ich möchte dem Bourdieu’schen Gendanken, dass wir da, wo wir auf der linken Seite des Spektrums den Intellektuellen finden, auf der rechten (oder konservativen) Seite den Technokraten entdecken können, noch ein wenig nachgehen.

Jemand, den wir vielleicht als Vater oder jedenfalls als großen Verfechter der politischen Technokratie betrachten können, ist Karl Popper, der in seinem Werk „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“ die Methode der Sozialtechnik der kleinen Schritte entwickelt hat und diese gerade den großen Gesellschaftsentwürfen, wie dem von Karl Marx, entgegensetzt.

Popper meint nicht, dass die Sozialtechniker der kleinen Schritte keine großen Visionen von Gerechtigkeit oder Freiheit oder allgemeinem Wohlstand hätten, sie sind sich aber dessen bewusst, dass sie diese Visionen nicht zielgerichtet real werden lassen können, dass man immer nur kleine Veränderungen am sozialen Gefüge vornehmen darf und die Resultate dieser Änderungen erst abwarten muss, bis man weitere Änderungen vornehmen kann.

Das kann natürlich ganz eindeutig als technokratische Arbeitsweise im Bourdieu’schen Sinne betrachtet werden. Popper, der selbst im Sinne Bourdieus und Gehlens – betrachtet man seine Wirkungsweise in der Gesellschaft – sicher ebenfalls ein Intellektueller war, liefert mit seiner Sozialtechnik der kleinen Schritte die Begründung für die Arbeit der Technokraten. Er war ein technokratischer Intellektueller.

Und tatsächlich ist dieses technokratische Arbeiten eher konservativ, indem es gesellschaftliche Strukturen eher erhält und nur so weit zu ändern trachtet, wie die Auswirkungen der Änderung beherrschbar zu sein scheinen.

Was hätten die Linken – die reinen – Intellektuellen dagegen zu setzen? Die radikale Utopie, das, was Popper die utopische Sozialtechnik nennt. Aus der Vision einer besseren Gesellschaft leiten sie nichts geringeres als die Berechtigung zur radikalen Erschütterung der bestehenden Strukturen ab. Ob die Gesellschaft, die entsteht, ihrer Vision ähnlicher ist als die bestehende, können sie nicht vorhersagen, schon gar nicht garantieren. Aus der Geschichte des 20. Jahrhunderts heraus darf da sicher ein gewisser Pessimismus abgeleitet werden. Das linke, rein intellektuelle Handlungskonzept scheint gescheitert. Das was davon geblieben ist, heißt Sozialdemokratie und Agenda 2010. Popper würde Münteferings SPD wählen.

Globalisierung – der Schrecken des 21. Jahrhunderts?

Der Geh. Admiralitätsrat A. Brix hat ein Buch geschrieben, welches 1929 schon in der siebten Auflage erschienen ist. Es handelt vom „Bootsbau“ vom „Praktischen Schiffbau“. Wenn man ein solches Werk in die Hände bekommt, blättert man als als bibliophil veranlagter Mensch verzückt darin herum, liest hier ein paar Sätze, staunt dort über die Qualität einer Abbildung.

Auf Seite 246 (es geht gerade um Werften und Bootsbauereien) findet man z.B. die folgenden Sätze:

Bezüglich Gediegenheit der Ausführung braucht Deutschland den Wettbewerb des Auslandes … nicht zu fürchten. Wenn trotzdem immer noch eine Anzahl von Aufträgen ins Ausland gehen, so hat das seinen Grund einerseits in dem Weltruf gewisser ausländischer Firmen … andererseits in dem durch billiges Holz und niedrige Arbeitslöhne oder Steuern ermöglichten niedrigen Lieferungspreise.

Wie bitte? 1929? Spricht der Geh. Admiralitätsrat nicht von den Auswirkungen der Globalisierung auf Deutschland? Oder gab es etwa die Globalisierung schon 1929.

Ein nochmaliger Blick auf den Einband beweist, die Herausforderung, die wir heute als Globalisierung bezeichnen, gab es tatsächlich schon vor 80 Jahren, wahrscheinlich schon viel früher. Globale Märkte für Rohstoffe und Produkte sind kein neues Phänomen der letzten 10 Jahre.

Daraus kann gefolgert werden, dass Unterschiede im Lohnniveau und hohe Steuern genauso wenig ein Grund sind, im globalen Wettbewerb zu scheitern wie hohe Beschaffungskosten für Rohstoffe. Denn

In den letzten Jahren haben sich die Bootsbauereien entsprechend dem steigenden allgemeinen Interesse sehr entwickelt. Neue Firmen sind gegründet,größere Kapitalien zur Verfügung gestellt und bessere Einrichtungen und Maschinen beschafft worden.

Woran lag es 1929, dass der alte Brix keine Angst vor der Globalisierung hatte? Denn „noch“ schreibt er „eine Anzahl von Aufträgen ins Ausland“.

Der Geh. Rat sieht den Vorteil Deutschlands im qualifizierten, gut ausgebildeten

Arbeiterstamm. Dadurch, dass die Leute auf die Einrichtungen ihrer Werft eingearbeitet sind, ist es möglich, vorzügliche Arbeiten herauszubringen.

Also: Keine Angst vor Niedriglohnländern! Und auch ein ewiges Stellen an des Steuerschrauben in die eine oder andere Richtung wird uns nicht helfen: Ausbildung, Qualifikation und Bindung der leistungsstarken Mitarbeiter an das Unternehmen, das sind die Garanten für die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands.

Ist die Religion schuld?

An der Frage, ob der Islam an irgendetwas Schuld ist, erhitzen sich immer wieder die Gemüter, ebenso häufig wird auch nach der Schuld des Christentums für die Unterdrückung der Frauen und alles übrige Leid auf der Welt gefragt. Die Diskussionen reiben sich immer wieder auf, zumeist an Missverständnissen, die sich aus der Vermengung von Begriffen ergeben, die nicht miteinander identische Inhalte haben.

Es geht um Glauben, Religion und Kirche. Diese Begriffe sind nicht identisch, und deshalb kann es für eine sachliche, konstruktive Diskussion nicht gut sein, wenn man den Glauben eines Menschen mit der Kirchenzugehörigkeit eines anderen vergleicht, oder wenn man eine Religion kritisiert und als Gegenstück die Funktionsweise einer Kirche heranzieht.

Es kann einer an einen Gott glauben, an eine bestimmte Schöpfungsgeschichte, daran, dass bestimmte historische Personen existieren und zu ihrem Gott in einer gewissen herausgehobenen Beziehung standen (wie z.B. Moses, Jesus, Mohamed). Das ist Glauben. Der Glauben ist zunächst einmal an einen je einzelnen Menschen gebunden, an den, der glaubt.

Dann kann jemand aus diesem Glauben bestimmte Regeln für sein Leben ableiten, kein Schweinefleisch essen, auf gewisse Weise seinen Gott anbeten, Gutes tun, weil es Gott gefällig ist. Das ist die Ausübung einer Religion. Man sieht, eine bestimmte Religion folgt nicht automatisch und eindeutig aus einem Glauben, der Glaube verschiedener Menschen kann weitgehend übereinstimmen, trotzdem können sie zu unterschiedlichen Religionsformen neigen oder auf die Ausübung einer Religion ganz verzichten. Gleichzeitig können sich Formen der Religionsausübung auch ganz vom Glauben trennen, sie können ihre Wurzeln verlieren, ohne an Kraft über die Handlungen eines Menschen einzubüßen.

Wenn diese Religionsausübung institutionalisiert wird, wenn die Institution dem Gläubigen die Regeln für seine Religionsausübung vorschreibt und deren Einhaltung überwacht, kann man diese Institution als Kirche bezeichnen (oder als Sekte oder noch anders, das wäre weiter zu differenzieren, spielt aber hier keine Rolle). Gerade bei der Ablösung der Religion vom Glauben, bei der Verselbständigung des religiösen Handelns, spielt die Kirche eine große Rolle. Die Begründungsrolle für religiös motiviertes Handeln, die der Glaube nicht mehr spielen kann, übernimmt die Institution.

Alle drei (Glauben, Religion, Kirche) stehen also im Zusammenhang, müssen aber nicht widerspruchsfrei aufeinander aufbauen. Deshalb muss man genau hinschauen, was man kritisiert: den Glauben, die spezifische Religionsausübung oder die Institution, die die Regeln setzt (oder sich diese Setzung anmaßt). Oder man kritisiert die jeweilige Weise, wie jemand das eine aus dem anderen ableitet.

Diekmann, Naumann und die „68er“

Bild-Chefredakteur Kai Diekmann hat ein Buch über die sogenannten 68er geschrieben und er hat ausgerechnet den ehemaligen SPD-Kulturstaatsminister und heutigem Zeit-Herausgeber Michael Naumann als ersten öffentlichen Kritiker bei der Buch-Vorstellung eingeladen.

Naumann selbst hatte kürzlich in der Zeit darüber gesprochen, welche positiven Effekte die Bewegung der 68er auf die deutsche Gesellschaft gehabt hat, schon in diesem Gespräch waren seine Ausführungen, das Land sein durch die 68er liberaler geworden, von seinem Gesprächspartner Kraushaar nicht unwidersprochen geblieben. Kraushaar betonte dort, dass die Tendenzen zur Liberalisierung bereits mit der Großen Koalition, spätestens aber mit der Sozial-Liberalen Koalition in den 60ern angelegt waren.

Nun also sollte Naumann zu Diekmanns Buch „Der große Selbstbetrug“ Stellung nehmen, in dem der Autor nicht nur jede positive Ausstrahlung der 68er auf die deutsche Gesellschaft bestreitet sondern diese sogar für alle Schwierigkeiten, in die Deutschland seit dem geraten ist, verantwortlich macht.

Naumann argumentiert in seiner Kritik an Diekmann reichlich merkwürdig, wenn man sie mit seinen eigenen Ausführungen in der Zeit vergleicht. Plötzlich spielt er die Wirkung der 68er herunter. Der SDS habe doch nur maximal 2000 Mitglieder gehabt, wie sollten die denn die ganze Gesellschaft beeinflussen. Dass dieser Einfluss, wenn man ihn positiv bewerten will, gigantisch sein kann, hatte er noch in der Zeit gesagt, hier nun, wo es um eine kritische Bewertung geht, will er ihn kleinreden.

Wenn ein Buch in der öffentlichen politischen Diskussion wahrgenommen werden soll, muss es zuspitzen. Natürlich sind die „68er“ nicht alleine an allem Schuld, aber viele von ihnen haben in der Folge Verantwortung übernommen und Deutschland entscheidend politisch mitgestaltet. Und andere, die 1968 noch Kinder waren, sind von ihnen beeinflusst worden. In so fern ist Naumanns Rede von den maximal 2000 Aktiven eine Milchmädchenrechnung.

Man sollte Diekmanns Buch als einen Test sehen, ob sich aktuelle Probleme plausibel aus den Zielen und Konzepten der „68er“ ableiten lassen. Das ist dann zwar nicht die „ganze Wahrheit“ aber immerhin ein interessanter Ansatz, wenn man nach Änderungen für die Zukunft schaut. Und als „Gegengift“ kann man Naumanns Sichtweise in der Zeit lesen, vielleicht sind beide Sichtweisen ja auf ihre je eigene Art ein Beitrag zur Wahrheitsfindung.

Elke Heidenreich und Saturn

Elke Heidenreich schreibt Bücher, und sie spricht über Bücher im Fernsehen. So ähnlich wie Eva Herman hat sie eine Sendung im Öffentlich-Rechtlichen Fernsehen, und die Sendung ist recht erfolgreich. Aus welchem Grund auch immer scheinen solche Menschen manchmal der Meinung zu sein, sie müssten sich zu allem öffentlich und selbstgewiss äußern, auch zu Dingen, von denen sie nichts verstehen.

Frau Heidenrech z.B. spricht über einen Werbespot. Sie zieht das Grimmsche Wörterbuch zu Rate, und zwar die erste Auflage, um die Wörter „Geiz“ und „geil“ zu durchdenken und kommt zu einem vernichtenden Urteil über den Satz „Geiz ist geil“. Sie teilt dieses Urteil dem zuständigen Mitarbeiter bei Saturn mit, den sie dann als „unbedarft“ bezeichnen wird, weil er ihr mitteilt, dass Werbung etwas anderes ist als die Literatur, von der Frau Heidenreich etwas versteht.

Da aber eine Frau H. jemand ist, der öffentlich gehört werden will und dem man auch gerne öffentlich Gehör verschafft, ist es damit nicht genug. Sie schreibt über das Thema, und zwar in der heutigen Ausgabe der FAZ.

Sie stellt dort unter Beweis, dass man nicht über alle Dinge lautstark sprechen sollte, nur weil man von einigen etwas versteht. Denn das Grimmsche Wörterbuch wird Frau Heidenreich vielleicht weiterhelfen, aber nicht ausreichen, wenn sie diesen Werbespot und seine tatsächliche Wirkung verstehen will.

Glaubt die AUtorin tatsächlich, dass ein Handelsunternehmen wie Saturn eine Charaktereigenschaft fördern wollte wie die, mit der sie das Wort „Geiz“ verknüpft? Warum sollte das Unternehmen so etwas tun? Letztlich sollte auch dieser Spot zum Geldausgeben anstiften, nicht zum Geizigsein – das ist auch die Antwort auf Frau Heidenreichs Frage, warum die deutsche Wirtschaft nicht gegen Saturn geklagt hat.

Oder glaubt Frau Heidenreich vielleicht, die armen Konsumenten hätten nicht durchschaut, was Saturn da gemeint und bezweckt hat? Glaubt sie, dass die Menschen nach diesem Spot Knausrigkeit und Geizkragen-Mentalität für erstrebenswert halten?

Jemand, der sich wie Frau Heidenreich mit Sprache beschäftigt, sollte wissen, dass es nicht nur darauf ankommt, was jemand sagt, sondern auch darauf, wer es sagt und in weilchem Kontext, in welcher Situation.

Es kommt ja auch in Büchern vor, dass jemand ein Wort in einem ungewohnten Zusammenhang verwendet und damit seinem Satz einen neuen Gesamt-Sinn gibt. So etwas sollte der Autorin und Kritikerin Heidenreich schon untergekommen sein. Sinnvoll wäre gewesen, wenn sie diese Bedeutungsverschiebung unter die Lupe genommen hätte, dabei hätte sie gern auch kritisch über mögliche Missverständnisse oder Täuschungen reden können, das wäre vielleicht sogar interessant geworden.

Aber vielleicht ging es Frau Heidenreich um etwas ganz anderes. Denn plötzlich kommt der Kapitalismus als Ganzes, kommt Karl Marx und „Das Kapital“ ins Spiel. Die Kapitalisten, die sind geizig, und wer Geiz geil findet, der findet wahrscheinlich auch den Kapitalismus geil.

Unklar beibt, was Frau Heidenreich eigentlich will. Sollen wir nun freizügig unser Geld ausgeben oder nicht? Und wenn ja, wofür? Am Schluss gibt sie uns wenigstens einen Hinweis: Reiche im alten Genua spendierten den Bettlern hin und wieder einen Kaffee, statt sich DVD-Player zu kaufen, und in Köln darf der Kellner mal ein Bier mit den Gästen trinken, weil die auf den neuesten Fernseher verzichten.

Das ist wahrlich eine furiose Kapitalismus-Kritik. Dass das kapitalistische System vielleich gerade auch die Freizügigkeit jener netten Genuesen und Kölner ermöglicht, scheint Frau Heidenreich noch nicht in Erwägung gezogen zu haben.

Warum steigt der Strompreis?

Preiserhöhungen ärgern jeden, und gern wird schnell der dafür verantwortlich gemacht, dem der Verbraucher das Geld überweisen muss. Wenn dann die Preiserhöhung auch noch auf die Privatisierung des Anbieters folgt, hört man schnell den Ruf nach mehr Staat.

Viele Menschen sind offenbar der Ansicht, dass die Raffgier der Konzerne für die steigenden Strompreise verantwortlich ist. Die Beschuldigten setzen sich jedoch zur Wehr, zeigen auf den, von dem so viele Schutz vor den Monopolen suchen: den Staat.

In der Tat sind die Zahlen der Stromerzeuger beeindruckend. Mehrwertsteuer, Konzessionsabgaben, Stromsteuer, Kosten aus dem Erneuerbare-Energien-Gesetz und dem Kraft-Wärme-Kopplungsgesetz (die letzten drei sind seit 1999 eingeführt worden) erbringen zusammen einen Anteil an den Energiekosten von 41 %. Geld, dass die Energieversorger direkt an den Staat weiterreichen oder dafür aufbringen müssen, dass sie verpflichtet sind, den teuren sogenannten Ökostrom abzunehmen.

Die meisten dieser Kosten hat sich der Gesetzgeber einfallen lassen, um die Umwelt zu schonen. Über die Effizeinz dieser Maßnahmen kann man sicherlich unterschiedlicher Meinung sein. Aber in jedem Falle kann man es den Stromversorgern nicht vorwerfen, dass dadurch der Strom teurer wird.

Deshalb ist es unsinnig, nach dem Staat zu rufen. Der ist sicherlich nicht effizienter als die privaten Unternehmen. Nicht weniger, sondern mehr Markt wäre hilfreich, damit die Anbieter ihre Einsparungspotenziale ausnutzen und der Preis durch entsprechendes Verbraucherverhalten optimiert wird.

Damit wird nicht der „unsichtbaren Hand“ des Marktes das Wort geredet. Vielmehr scheint es so zu sein, dass die gesetzlichen Rahmenbedingungen zum Erreichen der staatlichen Ziele (vor allem des Energiesparens und des Umweltschutzes) längst geschaffen sind. Jetzt muss ermittelt werden, warum – im Gegensatz zum Telefonmarkt – keine wirkliche Marktsituation entstanden ist. Die Hürden für den Eintritt neuer Marktteilnehmer müssen gesenkt werden.

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Gibt es traditionelle Werte?

In den letzten Tagen kocht die Diskussion darüber hoch, ob es falsch ist, sich auf „traditionelle“ oder „ursprüngliche“ Werte und Strukturen zu besinnen. So wird z.B. die Rückkehr zu traditionellen Familienkonzepten als mögliche Lösung aktueller Probleme angeboten. Das ist der richtige Moment, sich zu fragen, was sich hinter „Tradition“ und „Ursprünglichkeit“ eigentlich verbirgt.

Wir sollen uns wieder auf alte Werte besinnen. Das fordert nicht nur Eva Herman, das fordert so mancher konservativer Denker, wobei die konservativen nicht unbedingt christlich-sozial sein müssen, längst rufen auch grün und rot gefärbte Zeitgenossen nach einer Rückkehr zu den Werten einer Zeit, in denen die Familien angeblich noch funktionierten und Heimat waren für Kinder und für die lebenslange Liebe zwischen Mann und Frau.

Wohin soll’s denn gehen?

Wie weit zurück müssen wir gehen, um zu unseren Wurzeln, zu unseren guten Traditionen zu kommen?

Was die Familie betrifft, scheint die Ursprünglichkeit, die da gesucht und angemahnt wird, gar nicht so weit zurück zu liegen. Viel weiter als 50 Jahre darf man nämlich nicht in die Vergangenheit gehen, um die angeblich so glückliche Mutter, die zu Hause sitzend die Kinder behütet, im Kreise ihrer vielleicht zwei oder drei Zöglinge zu finden, wie sie mit Freude auf den abends heimkehrenden Ehemann wartet.

Wir können ganz auf die Erörterung der Frage verzichten, ob es dieses „Ideal“ in den 50er und 60er Jahren wirklich gegeben hat. Wir können auch außen vor lassen, ob diese Familie, die von patriarchalischen Unterdrückungsstrukturen, von Unterordnung und Gehorsam gegenüber dem übermächtigen Familienoberhaupt geprägt gewesen sein dürfte, wirklich ein Leitbild ist, welches uns heute bei der Lösung aktueller Probleme helfen kann.

Um eine ursprüngliche Tradition zu sein, müsste sich dieses Familienbild nämlich weiter zurückverfolgen lassen. Für einen traditionellen Wert ist diese Institution viel zu jung.

Die Wurzeln dieser bürgerlichen Familie verlieren sich schon ein paar Jahrzehnte zuvor, in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Blicken wir weiter zurück, finden wir eine ganz andere Familie, die dafür eine um so längere Tradition hat, die ihre Wurzeln im frühen Mittelalter findet.

Es ist die bäuerliche Familie, aus der sich im 19. Jahrhundert die proletarische Familie abgeleitet hat.

Die traditionelle Familie

Wir finden ein Ehepaar mit einer Schar von Kindern, vom Säugling bis zum Jugendlichen. Die Mutter, wenn sie nicht gerade hochschwanger ist, verrichtet die Arbeiten im Haus und im Garten, repariert die Kleider, macht die Wäsche, usw. Die kleineren Kinder werden von den größeren überwacht, soweit sie alt genug sind, werden sie betreut, indem sie zur Mithilfe angeleitet werden.

In der proletarischen Familie spitzt sich die Situation im 19.Jahrhundert dahingehend zu, dass jedes Familienmitglied, welches dazu nur irgendwie in der Lage ist, zur Arbeit in die Fabriken gehen muss. Später, als die Kinderarbeit verboten ist, werden auch hier die kleineren von den größeren oder von den Erwachsenen überwacht, die zur Arbeit nicht mehr fähig sind.

Positive Traditionen?

Wenn wir nach Traditionen suchen, auf die wir uns besinnen können, finden wir sie allenfalls in der bäuerlichen Familie. Hier ist die Mutter in der Tat im Haus, während sie die Arbeiten im Garten verrichtet, die Wäsche macht, die Vorräte konserviert, ist sie auch für die Kinder da. Gleichzeitig haben diese Kinder eine Menge gleichaltriger Gefährten, mit denen sie, wenn sie nicht arbeiten müssen, in der Gegend abenteuerliches erleben können.

Wie können diese Traditionen wieder belebt werden?

Heute, da die Hausarbeit weitgehend automatisiert ist, da kaum Kleidung zu flicken, Vorräte zu konservieren sind, da nicht mehr 10 sondern höchstens zwei Kinder mit großem Altersunterschied in der Familie aufwachsen, stellt sich die Frage, wie positive Traditionen überhaupt bewahrt werden können.

Ist dies nicht am ehesten möglich, wenn die Kinder heute in Kindergärten die Gelegenheit bekommen, mit Gleichaltrigen zusammen zu sein, unter pädagogischer Betreuung? Und was spricht dagegen wenn die moderne Mutter in dieser Zeit ebenfalls einer produktiven Tätigkeit nachgeht, genauso wie ihre bäuerliche Ahnin, die auch nicht den ganzen Tag ihren Nachwuchs belehrt, umsorgt und beaufsichtigt hat?

Außeinandersetzung mit Traditionen ist sicher sehr sinnvoll. Und positives soll man kritisch prüfen und für heute fruchtbar machen. Aber man muss schon genau hinschauen und vergleichen, damit das gelingt.

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Paul Feyerabend und der erkenntnistheoretische Realismuns

Im erkenntnistheoretischen Streit um den Realismus und sein Gegenstück, den In-strumentalismus, wird mit normativen Argumenten um den richtigen methodischen Ansatz in der Wissenschaft gerungen. Schon deshalb ist es von großem Interesse, was der Denker zu dieser Debatte beigetragen hat, der wie kein anderer mit seiner grund-sätzlichen Ablehnung jeglicher normativer Bewertung von Erkenntnismethoden die Erkenntnistheoretiker aber auch die Forscher der Einzelwissenschaften irritiert und provoziert hat. Paul Feyerabend hat mit seinem provokanten „Anything goes!“ in sei-nem wohl folgenreichsten Werk „Wider den Methodenzwang“ (Feyerabend, 1983, Seite 32) die Wirklichkeit des Wissenschaftsprozesses zutreffend und prägnant be-schrieben, ob er damit der Wissenschaftstheorie und dem Selbstverständnis der Wis-senschaftler einen konstruktiven Impuls gegeben hat, ist allerdings diskussionswür-dig. Gerade diese Diskussion, die in der Feyerabend-Rezeption in der einen oder an-deren Form immer wieder auftaucht, kann an Feyerabends Beiträgen zur Realismus-Instrumentalismus-Debatte konkret und exemplarisch geführt werden. Feyerabend hat letztlich sein Konzept „Anything goes!“ selbst auf das Realismus-Instrumentalismus-Problem konsequent angewandt. Gleichzeitig hat Feyerabend seine eigene Position hierzu im Laufe der Entwicklung seines erkenntnistheoretischen Anarchismus selbst mehrfach überarbeitet und revidiert. Somit sind seine diesbezüglichen Veröffentli-chung auch eine eindrucksvolle Illustration des Feyerabend’schen Werdeganges vom „Popperianer“ zum „erkenntnistheoretischen Anarchisten“.

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