New York, Freiheitsstatue

Als ich das erste Mal in New York war, wusste ich nicht, dass es wahrscheinlich auch das letzte Mal sein würde. Heute, in den Zeiten der verschärften erkennungsdienstlichen Behandlung jedes USA-Reisenden, habe ich kein Verlangen mehr, das Land der Erklärung der Menschenrechte zu besuchen. Aber bei diesem ersten Mal wusste ich das noch nicht. Deshalb machte es mir nichts aus, dass ich das letzte Boot verpasste, welches Touristen hinüber brachte zur Freiheitsstatue. Ich dachte: „Gut, dann beim nächsten Mal.“

Heute, da ich denke, dass es dieses nächste Mal vielleicht nicht geben wird, erfasst mich Trauer darüber, dass ich den Stein nicht berührt habe, dass ich nicht, den Kopf weit zurück gelegt in den Nacken, zu ihr hinaufschauen konnte, der göttergleichen Frau, die das Symbol ist für den Stolz und die Kraft der Freiheit.

Die Symbolkraft der Skulptur habe ich zuerst in dem Film „Der Planet der Affen“, empfunden, in der ersten Verfilmung, genau gesagt (USA 1968) Das Kinoplakat zeigt die entscheidende Szene, die meines Wissens in der Neuverfilmung nicht enthalten ist. Der Raumfahrer stolpert die fremd vertraute Küste entlang und sieht plötzlich, schief stehend und bis über die Hüfte im Wasser, die stolze Fackelträgerin vor sich. Damit ist ihm nicht nur klar, wo er sich befindet, nähmlich auf der Erde. Genauso eindringlich wird ihm und dem Zuschauer in diesem einen Augenblick bewusst, dass seine Gesellschaft zusammengebrochen sein muss, dass das Zusammenleben der Menschen nichts mehr mit dem gemein haben konnte, was er kannte.

Eine Freiheitsstatue, die nur noch von der Hüfte an aufwärts zu sehen ist, ist auch das bestimmende Bild in Roland Emmerichs neuestem Film „The Day After Tomorrow“ (USA 2004) Es gibt einen entscheidenden Unterschied. Während man in dem Film das Chaos der Klimakatastrophe über Amerika hereinbrechen sieht, bleibt, immer wieder im Bild, der fackelhaltende Arm stolz nach oben gestreckt.

So bleibt bei Emmerichs Film, der sicherlich nicht amerikafreundlich genannt werden kann und der viel mit großen Symbolen arbeitet (man denke nur an den gleich zu Beginn weggefetzten „Hollywood-Schriftzug“ oder die amerikanischen Flüchtlinge, die die Grenzbefestigungen zu Mexiko stürmen), die Hoffnung darauf, dass die freiheitliche Ordnung das Chaos überstehen kann erhalten mit dem Symbol der über 100jährigen steinernen Frau, die ja ursprünglich Europäerin ist.

Wir brauchen Symbole, große Symbole. Diese Skupltur ist eines der größten und wichtigsten.

Münster, Dom

Man betritt den Dom in Münster durch das Paradies. Das Hauptportal wurde nicht wieder hergestellt während des Wiederaufbaus der Bauwerks, welches bei den schweren Bombenangriffen des zweiten Weltkrieges völlig zerstört worden war. Ich hatte nicht gewusst, bevor ich nach Münster kam, dass ein solcher Vorbau, eine seitliche Eingangshalle Paradies genannt wird, und ich weiß bis heute nicht, warum das so ist.

Viele Geschichten könnten in dieser Vorhalle ihren Anfang nehmen, je nachdem, in welche Richtung sich der Betrachter wendet, wo er verweilt. Betritt er jedoch zügigen Schrittes den Dom, um sich dann direkt nach rechts zu wenden, durchmisst er, ohne zu verweilen, das gewaltige Haupthaus, lässt er den Altar und die Astronomische Uhr links liegen, dann gelangt er zu den Galenschen Kapellen und dort endlich zu einer schlichten, metallenen Platte in der er die Worte verewigt findet:

„Du sollst Gott mehr gehorchen als den Menschen“

Diese Worte werden hier im Münsteraner Dom mit einem Manne in Verbindung gebrach, dessen Gestalt überlebensgroß mit mahnender Geste den Dompatz dominiert: Kardinal von Galen, Bischof von Münster zu Zeiten der Nazi-Herrschaft. Aber er hat sie nicht erdacht, ha dies sicherlich auch nie für sich reklamiert. Sie finden sich in der Apostelgeschichte (5,29), Petrus spricht sie zu den Jüngern als sie von den Herrschenden aufgefordert werden, Jesus zu verleugnen.

Der Satz findet sich in den Jahrhunderten der christlichen Tradition immer wieder. So verwendet sie z.B. der Maler Caspar David Friedrich als Einleitung in einem Text, in welchem er über seine Kunst, über die Wurzeln und Ziele seines Werkes sinniert.

Was ist Gott, was ist der Glaube für den gläubigen Menschen?

Es ist wohl das Wissen um etwas Wahres und Gutes, welches unabhängig ist von den menschlichen Mächten, die den Einzelnen bedrohen und beherrschen. Es ist das tief im Innern mahnende Wissen, welches ihm sagt, dass da etwas nicht richtig sein kann, was mir der Mächtige als richtig einreden will, und sei es im Namen Gottes, sei es im Namen irgendeiner Idee oder einer Ideologie.

Als von Galen den Satz aus der Apostelgeschichte beschwor, beschwor er die Menschen auf ihre innere menschlich Stimme mehr zu hören als auf die lauten Tiraden aus den Megafonen. Als ich selbst diesen Satz, hier im Münsteraner Dom, das erste Mal las, waren gerade 5 Jahre seit dem Untergang der letzten ideologisch begründeten Diktatur, in der ich aufgewachsen war, vergangen. Er berührte mich tief.

Wir leben nun in Deutschland in einer Zeit, in der es keine Mächtigen mehr gibt. Jeder, der heute Macht ausübt, hat diese nur auf Zeit. Das ist ein Glück, aber reicht das aus? Können wir achtlos über die Messingplatte im Dom hinweggehen? Natürlich ist es gut, dass die Macht der Mächtigen dahin ist. Aber noch immer gibt natürlich es Menschen die ihre Macht, sei es ihre ökonomische, ihre geliehene politische oder ihre rhetorische Macht, nutzen, um unsere tiefe innere Stimme zu übertönen. Sie sitzen nicht nur in Konzernzentralen und Regierungsgebäuden, es sind auch die Gewerkschaftsfunktionäre, die Medienmultis und die Pseudoexperten an den Mikrofonen.

Die innere Stimme ist leise in diesem Geschrei. Sie nur zu hören, kostet schon Kraft. Ihr zu trauen, ihr zu folgen, braucht immer noch Mut.

Eine Bandscheiben-Geschichte

Auf Operationen folgt häufig eine langwierige Reha-Phase. Ist das immer richtig?

Vor zwei Monaten musste ich mich einer Bandscheiben-Operation unterziehen. Viele, die davon hörten, waren entsetzt. Wochen- bis monatelange Arbeitsunfähigkeit wurde mir prognostiziert.

Was geschah in meinem Falle wirklich? Die Operation fand an einem Freitagnachmittag statt, so dass ich, mit kurzen Unterbrechungen, bis Samstag morgen schlief. Ich stand auf, fand mich schmerzfrei, wusch mich und machte gegen 11:00 Uhr einen Bummel durch den Ort. Am Nachmittag bekam ich Besuch, wir plauschtem im Café am Markt.

Der Sonntag und der Montag verliefen ganz ähnlich, am Dienstag verließ ich das Krankenhaus, am Mittwoch ging ich für ein paar Stunden ins Büro. Ich ließ mir einen Stehtisch aufbauen, auf dem nun mein Notebook und mein Telefon steht, Besprechungen finden im Sitzen statt.

Ein Aufenthalt in der Reha-Klinik kam für mich nicht in Frage. Ich bekam eine physiotherapeuthische Behandlung (dreimal in der Woche) und begann bald mit einem vorsichtigen Stabilisierungs- und Aufbautraining.

Heute (knapp zwei Wochen nach der Operation) bin ich absolut beschwerdefrei. Das einzige, was ich (aus reinen Vernunftsgründen) noch nicht wieder mache, ist Joggen, und auch den Herbstmarathon werde ich ausfallen lassen.

Das Gespräch mit meinem Arzt und diese meine eigene Erfahrung lässt mich vermuten, dass die normale Behandlung nach solchen Operationen oft völlig falsch sein dürfte. Statt zwei Wochen nach der Operation eine dreiwöchige Reha zu machen, in der eifrig täglich (und damit wohl oft zu viel) trainiert wird um dann anschließend gar nichts mehr zu tun, scheint mir ein langfristiges, ganz vorsichtig startendes Aufbautraining viel sinnvoller.

Und das ist natürlich auch noch kostengünstiger.