Über die Liebe in den Zeiten der Politik

Während Liebe ein Versuch ist, Beziehungen zwischen den Menschen durch das Gefühl, durch emotionale Bindung, zu gestalten, strebt Politik nach dem gleichen Ziel, will es aber durch Regeln, durch rationale Strukturen erreichen.

Neulich las ich, Liebe hätte immer eine politische Dimension. Sehen wir einmal über den weichzeichnenden Charakter der Floskel „eine Dimension haben“ hinweg: Was heißt das anderes als dass die Emotionen des Menschen immer rational ergründbar, letztlich also, dass Gefühlsäußerungen durch eindeutige Regeln rekonstruierbar wären? Wer glaubt, sich in die Mitte des 18. Jahrhunderts zurückversetzt zu fühlen, wer solche Sätze nur aus La Mettrie’s wunderbarem Traktat „Der Mensch eine Maschine“ zu kennen meint und ein solcherart vereinfachendes mechanistisches Weltbild mit dem frühen zwanzigsten Jahrhundert für ausgestorben hält, hat noch an keiner intellektuellen Debatte des Internet des 21. Jahrhunderts teilgenommen. Hier lassen sich auch die wunderbaren Gespenster „Basis und Überbau“, „Sein und Bewusstsein“ sowie die Frage, wer nun wen bestimmt ganz so bei bester Gesundheit erleben, als ob es die Sozialforschung des 20. Jahrhunderts gar nicht gegeben hätte, als ob Luhmann, Habermas, Giddens nie gelebt und publiziert hätten, von Weber oder Parsons ganz zu schweigen.

Und mit den alten Gespenstern der Dialektik tauchen auch die schwankenden Gestalten des Klassenkampfes wieder auf. Warum das eigene Denken an der komplizierten Wirklichkeit reiben, wenn doch spätestens Marx und Engels oder doch dann allerspätestens Lenin alles schon durchschaut und gewusst haben? Da wird Religion wieder zum „Opium für das Volk“, da kann man wieder Klasseninteressen ausmachen, da werden die, die sich ins Freund-Feind-Schema nicht einordnen lassen, im besten Falle wieder zum Ignoranten der eigenen Interessen, denen man mit Ausgrenzung und Unverständnis begegnet, im schlimmsten Falle zum Verräter der eigenen Sache, zum Feind.

Wir wollen hier nicht über die Frage spekulieren, warum sich im Internet auf so paradoxe Weise eine atemberaubende Verfügbarkeit von Wissen mit einer mittelalterlich anmutenden Argumentationsstruktur paart, wir wollen uns – und dies als ein Beispiel, welches dem Autor persönlich ganz besonders am Herzen liegt – mit dem Verhältnis von Liebe und Politik beschäftigen.

Wir wollen eine – sicherlich notwendige – Bestimmung der Begriffe hier gelassen überspringen. Wer würde sich anmaßen, zumal im Kontext von literarischen Diskussionsforen des modernen Internet, den Begriff der Liebe in wenigen Sätzen zu erfassen? Das gleiche gilt für den Begriff des Politischen. Wir wollen statt dessen für einen Moment annehmen, dass es einen Konsens des Autors mit seinen Lesern darüber gäbe, was Liebe ist und was Politik. Dieser Konsens erstreckt sich dann vielleicht auch auf die Einschätzung, die schon im Titel dieses Textes behauptet wird: Wir leben in Zeiten der Politik.

Die Dominanz des Politischen scheint erdrückend: Überall wird nach Regeln gelebt oder gefahndet, die unsere Beziehungen zueinander erträglich machen sollen. In den Diskussionsrunden, Foren und Parlamenten wird über Vorgaben und Anweisungen, über Richtlinien und Gesetzestexte gestritten, deren Umsetzung und Einhaltung uns Glück und langes Leben garantieren sollen.

Den Kontrahenten ist selten Liebe oder Freundschaft anzumerken, häufig aber Hass und Verachtung. Liebe und Hass sind sicherlich Grenzpunkte eines Spektrums des Emotionalen, auf dem wir auch den Zorn und die Zuneigung finden. Warum, so fragt sich der Zuschauer zunächst erstaunt, findet sich so viel Gefühl in den Äußerungen der politischen Menschen? Die schnell vorgetragenen Antwort, diese Emotionen seien gar nicht echt, sie seien nur fürs Publikum gemacht, greift nicht, denn wenn das Politische dominieren würde, wie sollte dann ein Interesse an hysterischen, abfälligen, verachtenden Äußerungen aufkommen? Würde ein rational argumentierender Wissenschaftler nicht mehr Zustimmung erhalten als ein Populist?

Unsere Alltagserfahrung führt uns auf eine andere Spur. Schon in unserer Jugend haben wir erlebt, dass Menschen, die einander zugeneigt sind, gemeinsam oft messbar bessere Resultate erzielen als Feinde, die durch Regeln aneinander gebunden werden. Wen ich mag, dem verzeihe ich schneller einen Fehler, so können wir gemeinsam wieder tätig werden. Wen ich liebe, dem höre ich auch zu, wenn er etwas sagt, was mir widerstrebt, ich bin bereit, über seine Worte nachzudenken, der plausible Vortrag meines Feindes aber stößt mich vielleicht gerade wegen seiner Logik ab.

Jemand berichtete vor kurzem, er würde viele Beziehungen kennen, die wegen politischer Meinungsverschiedenheiten auseinander gegangen wären. Wahrscheinlicher ist, dass die unterschiedlichen politischen Ansätze erst unüberbrückbar wurden, als die Liebe zwischen ihnen tot war. Natürlich treibt Politisches die Menschen auseinander, die ostdeutsche Bürgerrechtlerin Vera Lengsfeld, deren Mann sie als Stasi-Spitzel jahrelang ausspioniert und verraten hat, ist wohl das prominenteste Beispiel dafür. Aber wer wollte behaupten, dass es denkbar ist, dass jener Spion seine Frau geliebt hat, während er Berichte für die Stasi schrieb?

Nach einer langen sehr kontroversen politischen Diskussion äußerte eine junge Frau dem Autor gegenüber einmal, trotz seines „auf dem Kopf stehenden Denkens“ würde sie ihn – auch wenn sie es sich nicht erklären könne – „irgendwie mögen“. Was hier erstaunt, ist die Ratlosigkeit der jungen Frau angesichts dieses scheinbaren Widerspruchs. Können wir nicht annehmen, dass beide ihren politischen Konflikt nur deshalb so lange austragen konnten, weil sie eine gewisse Zuneigung füreinander empfanden?

Wir sollten unser Bild über das, was uns zusammenhält, überdenken. Menschliche Zuneigung ist das Kühlmittel, das unser ächzendes und quietschendes Regelwerk auf einer erträglichen Betriebstemperatur hält, ist der Schmierstoff in dem Getriebe der rationalen Gesellschaft. Eine nur politische Welt ohne Liebe läuft heiß, verrostet und zerfällt.

Was ist Schönheit?

Die Bekannte, die mir letztlich den Anstoß gab für diese Überlegungen, ist ein paar Jahre jünger als ich, ich halte es für wichtig, dies vorweg zu schicken. Sie ist in dem Alter, in dem sich bei mir schon die grauen Haare nicht nur zeigten, sondern schon die Vorherrschaft über Schläfen und auch einige Teile des Bartes erlangt hatten. Nun gut, das ging bei mir halt früh los, ich hatte nie ein Problem damit. Wenn Sie, verehrter Leser, nun denken, ich würde mich von meinem Thema schon entfernen, bevor ich mich ihm das erste Mal genähert habe, kann ich Sie nur bitten, geduldig zu sein und später an diese einleitenden Worte zurück zu denken.

Vor ein paar Wochen sagte diese Bekannte zu einigen umstehenden, zu denen ich mehr oder minder zufällig gehörte: „Frauen können erst im Alter wirklich schön sein.“

Der Satz lies mich stutzen, gleich zwei mal, wenn ich’s genau sagen soll. Zum einen gehöre ich zu den Männern, die Frauen die Fähigkeit, Schönheit anderer Frauen einzuschätzen, rundweg absprechen. Nämliches gilt natürlich auch im umgekehrten Fall, ich habe nie verstanden, warum Frauen diesen oder jenen Mann schön nannten, schon gar nicht habe ich Verständnis für jene (zugegeben wenigen) Frauen, die mir selbst ein gutes Aussehen oder Attraktivität nachsagen.

Ich weiß, verehrter Leser, Sie sind sehr aufmerksam. Sie pirschen meinen Worten hinterher und haben im Kopf längst einen Notizblock aufgeklappt, auf dem Sie Ihre Fragezeichen malen. Ihnen ist nicht entgangen, dass ich soeben – gut getarnt in persönlicher Koketterie – eine Gleichsetzung zwischen Schönheit, Attraktivität und gutem Aussehen vorgenommen habe.

Kommen wir zurück zu jener Bekannten, ihrem Satz und meinem Stutzen. Denn ich stutzte ja zweimal. Einmal, wie gesagt, ob der Anmaßung, die in diesem Satz verborgen war, zum anderen aber, weil der Satz mir in offensichtlichem Widerspruch zu stehen schien mit einem anderen, den ich häufig von Frauen dieses Alters höre: „Warum machen graue Haare Männer immer attraktiver, Frauen aber nicht?“

Ist Schönheit und Attraktivität das gleiche? Und ist „gut aussehen“ ein Synonym für beides? Schauen wir uns die Begriffe einzeln an.

Was ist schön?

Vor einigen Jahren hörte ich von einer Untersuchung, in der Menschen verschiedene Computeranimierte Gesichter vorgelegt wurden. Die Probanden sollten die Schönheit dieser Gesichter bewerten. Das Ergebnis war, dass die meisten das Gesicht als schönstes empfanden, welches als Mittelwert aus allen anderen gebildet worden war. Dieser Befund wird durch Schönheitswettbewerbe bestätigt.

Ist also Mittelmaß das Schönheitsmaß? Es scheint fast so. Andererseits wäre dann Schönheit auch mit Langweile gleichzusetzen, mit Durchschnitt, mit Unauffälligkeit. Sage niemand, dieser Schönheitsbegriff sei ein Produkt der Medienwelt, die Venus von Milo straft ihn lügen ebenso wie die sixtinische Madonna.

Das interessante an dieser Schönheit ist, dass niemand ihr wirklich entspricht, auch wenn sie oder gerade weil sie das Mittelmaß aus allen darstellt. So wird diese Schönheit zum fernen, unerreichbaren Ideal.

Wozu ist sie dann aber gut, diese Schönheit? Schön zu sein ist doch nur sinnvoll, wenn mit der Schönheit etwas positives verbunden wird. Wenn Schönheit attraktiv, anziehend macht, ist das für den schönen Menschen gut. In der Tat ist es ja nachgewiesen, dass Menschen, die als schön beschrieben werden, seltener allein sind, dass ihnen häufiger und schneller geholfen wird, dass sie es leichter haben, Ziele zu erreichen. Diese Tatsache wird von vielen Schönheiten beschrieben, und der Autor dieser Zeilen schließt sich nicht aus dem Kreis derer aus, die der Schönheit erliegen.

Es scheint also so, als ob Schönheit und Attraktivität tatsächlich zusammengehören. Schönheit ist die Voraussetzung von Attraktivität.

Um diese These auf ihre Richtigkeit zu überprüfen, möchte ich mich ihr noch einmal von der anderen Seite nähern.

Was ist Attraktivität?

Aus meinem Physikstudium habe ich die Information mitgebracht, dass Attraktivität eigentlich nichts anderes ist als Anziehungskraft. Wir können also sagen, dass jeder Mensch von einem Kraftfeld umgeben ist, welches auf andere anziehend oder abstoßend wirkt, und das Maß für die Stärke dieses Feldes ist die Attraktivität.

An dieser Stelle ist der Selbstversuch sicherlich eine gute Methode, um Klarheit über die Attraktivität von Menschen zu bekommen. Ich bringe mich also – mutig wie ich bin – in das Kraftfeld verschiedener Menschen und bestimme, wie stark sie mich anziehen. Das Ergebnis wird Sie, verehrter Leser, nicht überraschen: die Attraktivität hängt ganz von meinen Zielen ab.

Ich erspare Ihnen und mir Details meiner mühevollen und langwierigen Experimente. Nur so viel sei gesagt: Um so mehr ich Unterhaltung wünschte, um so weniger fühlte ich mich von den Menschen angezogen, die weiter oben als Schönheiten bezeichnet wurden. Der Grund liegt auf der Hand. Gute Unterhaltung und Langweile schließen sich aus. Nur dort, wo Interessantes vermutet werden konnte, und dies konnte nur vermutet werden auf Grund von Abweichungen vom Mittelmaß, ließ sich auch auf Unterhaltsames hoffen.

Nun ließe sich sicherlich noch lange trefflich streiten über die Gleichsetzung von Attraktivität und Schönheit. Eines ist aber erwiesen: Wenn Schönheit attraktiv macht, kann Mittelmaß nur selten wirklich schön sein. Und wenn Hoffnung auf gute Unterhaltung attraktiv und damit schön macht, dann muss die Schönheit mit dem Alter wachsen, denn die Voraussetzung für gute Unterhaltung ist Erfahrung und die Voraussetzung für Erfahrung ist Alter.

Also hatte meine Bekannte recht. Merkwürdig, wo sie doch sogar ein paar Jahre jünger ist als ich.