Grass

In welch erbärmlichen Verhältnissen leben wir, dass ein Mensch seine Fehler Jahrzehnte mit sich herumzuschleppen hat, ungesagt, und dass er erst sein hohes Alter für den richtigen Moment hält, darüber zu sprechen?

Wer wäre so heldenhaft, in solchen Zeiten jeden Moment für den richtigen Moment zu nehmen, die Wahrheit über sich selbst zu sagen?

Heute melden sich viele, die genau wissen, wann der beste Zeitpunkt für Günter Grass gewesen wäre, seine Zugehörigkeit zur Waffen-SS öffentlich zu machen. Das ist alles Unsinn. Ein Mensch, der eine kaum zu ertragende Wahrheit mit sich zu tragen hat, kann schnell den richtigen für den falschen Tag halten, kann die günstige Stunde vielleicht erst im Nachhinein erkennen.

Ich kann mich vor jedem, der es schafft, ohne Zwang über seine Verfehlungen zu sprechen, und der sich damit selbst zum Exempel für die menschliche Schwäche und die menschliche Stärke zugleich macht, nur respektvoll verneigen. Ihre Last ist kaum zu ermessen, und sie wird oft nicht kleiner dadurch, dass alle von der Schwäche wissen.

Wir anderen, denen das Glück größere Fehler erspart hat oder die das, was sie anderen angetan haben,vielleicht zu vergessen geschafft haben, wir ehemaligen Radikalen, Kommunisten, kleinen und großen Betrüger, sollten schweigen.

Aber da ist kein Schweigen, weder betretenes noch respektvolles. Da wird gerichtet und spekuliert. Wann hätte er sollen, wann hätte er können und warum hat er da nicht und warum hat er jetzt. Warum war er kein Held, warum ist er ein Mensch?

Warum ist er wie ich?